Titel: Phantom Autor: kimera Archiv: http://www.kimerascall.lima-city.de/ Kontakt: kimerascall@gmx.de Original FSK: ab 16 Kategorie: Parallelwelt Ereignis: Valentinstag 2025 Erstellt: 12.02.2025 Disclaimer: ~ Janiten ist ein Spitzname für Menschen, die Jane Austen und ihre Werke verehren Hinweise ~ Vidale und Chise treten in „Vidale“ und „Chise“ bereits auf ~ Artemis und Detorix erscheinen in „Zonenrandzombie“, „Friede, Freude, Eierkuchen!“, „Vidale“ und „Chise“ ~ Gandalf Wittokombski aka Ski und Ziggy treffen in „Unfug“ aufeinander, bevor es in „Zonenrandzombie“ weitergeht ~ Valentejn Ejken und Lahyrim spielen eine besondere Rolle in „Zonenrandzombie“ ~ Lodur und Lacrimosa arbeiten seit „Zweisam“ zusammen ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ ~*+*~ Phantom »Igitt«, dachte Chise, als er auf den Trittstein stapfte, sich rasch umblickte. In einem arg zerrupften, winterkahlen Strauch baumelte ein Regenschirm. Daneben hing eine Plane, die man sich über die Schultern (oder andere Körperregionen) drapieren konnte, um an der schmalen Seite der Gebäudefront bis zur ehemaligen Pforte zu gelangen. Eben noch ein warmes, nachmittägliches Lüftchen bei sehr angenehmer Lufttemperatur unter zwei Sonnen, hier nun Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, Dunkelheit und Regen, der förmlich herunternagelte. Chise spannte eilig den Schirm auf, presste die Zähne aufeinander und warf sich die Plane um. Er trug eine schlichte Hose und ein Hemd aus Pflanzenfasern, dazu Sandalen und seine Umhängetasche. Die übliche Ausrüstung für SEINE Welt. Hier unterdrückte er ein elendiges Zittern ob der winterlichen Eiseskälte und eilte die Trittsteine entlang bis zum Eingang. Seine violetten Augen leuchteten ihm den Pfad gründlich aus, was sehr praktisch war, da es hier nur eine fahle Neonleuchte gab. »Wenigstens muss ich keinen Schlamm mit der Zwille auf die Videokamera schleudern«, dachte er grinsend, als er die ehemalige Pforte erreichte. Die Videokamera befand sich zwar noch zwecks Abschreckung an Ort und Stelle, sandte allerdings keine Bilder mehr. Wer sich hier herumtrieb, ohne dafür triftige Gründe zu haben, hatte bald größere Schwierigkeiten als einen Fernsehauftritt in der Überwachung. Vor der Pforte lauerten tückisch zwei Löcher in der überwucherten Steinödnis der Eingangsplatten. Längst befand sich der imposante Schilderbaum vor dem tatsächlichen Eingang an der Front, mit Scan-Einheit und Rufanlage. Natürlich brannten noch Lichter in den Räumen des quaderförmigen Bürokomplexes, der sich einzig durch Pragmatismus auszeichnete. Wer hinein wollte, benötigte einen Schlüssel (aktuell eine Plastikkarte mit Chip) oder ein Anliegen, das wichtig genug war, die Pforten aus der Ferne zu entriegeln. Auf der vergessenen Seite der alten Pforte, wo man obsolet noch Menschen positioniert hatte, regten sich die daimonischen Schlüsselkäfer, um Chise einzulassen. Das L-förmige Foyer blieb hinter durchscheinender Klebefolie an der Doppeltür undurchdringlich. Die Fenster waren mit Lamellen-Rollos bestückt. Licht schimmerte in bunten, warmen Farben, eindeutig Daimonen-Laternen mit daimonischen Leuchtkäfern. Die alte Neon-Beleuchtung war längst abgebaut. Das Foyer beherbergte nun ein umlaufendes Bänkchen, dazu Kleiderhaken, Hänge-Taschen, Körbe und einen umfunktionierten Duschvorhang samt Halterung. Gleich neben der Doppeltür konnte man die Planen und Regenschirme abstellen, damit sich ihre feuchte Spur nicht über den Boden zog. Chise lächelte unwillkürlich, als Vidale durch die stets geöffnete Tür der Loge trat, ihm aufmerksam ein Handtuch offerierte. „Willkommen zurück“, das Abtupfen, hoffte Chise, wurde nur IHM zuteil. „Danke schön“, schnurrte er in seiner tiefsten, gutturalen Stimmlage, die an schwere Gongs erinnerte, beugte sich vor, um Vidale erst auf die Stirn unter den schwarzen Löckchen, dann sanft auf die Lippen zu küssen. Vidale schmunzelte. „Ich habe dich auch vermisst“, antwortete er sanft. Das färbte die Spitzen von Chises spitzen Ohren tatsächlich in ein verlegenes Rot, obwohl man es unter seinen rostbraunen Dreadlocks nur erahnen konnte. Vidale konnte seine Eindrücke „lesen“, nicht jeden Gedanken wie in einem Buch, jedoch so präzise, dass Chise sich hin und wieder ganz und gar nicht „gerissen-schlitzohrig“ fühlte. „War es den ganzen Tag so fürchterlich?“, lenkte er rasch auf das Wetter ab, löste sich widerwillig aus Vidales fürsorglichem Abtupfen und strebte zu seiner Garderobe. Die wurde in der Loge aufbewahrt, denn er lebte hier seit kurzem mit Vidale. Während er sich rasch etwas Wärmeres überzog, registrierte er nicht nur einen sehr appetitlichen Geruch aus der anliegenden Teeküche, sondern auch einen leuchtenden Bildschirm auf dem alten Empfangstresen hinter der Trennscheibe zur Pforte. „Ein ungemütliches, aber typisches Wetter“, bestätigte Vidale, drehte den Schirm zusammen und faltete die Plane. Sein mittelblauer Teint war kaum zu ahnen. Über dem (recht grässlichen, wie Chise fand) Pullover aus Yakwolle wärmte ihn ein gemeingefährlich gemusterter Schal. Pyjama-Hosen mit einem unsäglichen Alpaka-Aufdruck hüllten die Beine ein. Statt der verhassten Sneaker komplettierten mausgraue Puschen seinen Auftritt. Chise vermutete, dass sie aus dem Fundus des Erfinder-Einhorns stammten. Dessen Sex-Gott-Ausstrahlung wurde von SEINEM Gefährten Detorix regelmäßig mit betont unattraktiven Farben gekontert. Möglicherweise verabscheute Detorix auch einfach Pink, Rosa und Weiß. „Lass nur, bitte“, beeilte Chise sich, schlüpfte in seine halbhohen Schnürstiefel und den Staubmantel seiner Steampunk-Aufmachung. Er konnte ebenso gut noch mal hinauslaufen, um Schirm und Plane dem kastrierten Busch anzuvertrauen für den nächsten Besuch aus der Daimonenwelt. Vidale neigte leicht den Kopf und akzeptierte die Offerte. „Möchtest du vielleicht etwas essen? Ich habe Tee aufgesetzt und Detorix ließ uns einen Auflauf da“, brachte er Chise auf den aktuellen Stand. „Gern! Bin gleich zurück!“, mit großen Schritten, trockenen Fußes nun, überquerte Chise die Trittsteine zum unsichtbaren Tor, deponierte den Schutz gegen die Witterung, machte kehrt. Im Foyer schüttelte er den Staubmantel aus, wirbelte seine Dreadlocks trocken und studierte gründlicher die Garderobe. Hier deponierten alle, die zwischen den beiden Welten wanderten und „sichtbar“ waren, Kleidung, Habseligkeiten und gelegentlich auch anderes Gut. Aufgrund des häufig sehr unterschiedlichen Klimas eine recht gute Verwendung des lange verwaisten Tors. Aktuell herrschte nach Chises Eindruck „Menschenzeug“ vor. Das bedeutete wohl, dass kaum noch jemand in der Menschenwelt unterwegs war. Er deponierte das feuchte Handtuch auf einem ausrangierten Wäscheständer und betrat die Loge. Sein neugieriger Blick blieb am leuchtenden Bildschirm hängen. „Detorix hat den Computer mitgebracht und alles angeschlossen“, hörte er Vidale, der seine Gedanken selbst in der Teeküche mühelos dechiffrierte. Diese Aufwendung würde sich nach Detorix‘ Auffassung, der immer noch als Szenarize für Vidale eine „Nische“ in der Menschenwelt suchte, durchaus bezahlt machen. Alle, die in die Menschenwelt wechselten (ohne dort zu leben), wären bestimmt interessiert an aktuellen Neuigkeiten, bevor sie sich ins Getümmel stürzten. Zudem hätte Vidale auch eine Beschäftigung, wenn er nicht hinaus konnte. Das bereitete ihnen beiden Sorge, auch wenn Vidale sich nichts anmerken ließ. Verpuppt, maskiert und mit einer überdimensionalen Sonnenbrille getarnt ging Vidale mit seiner mageren Gestalt als menschlich durch. Fehlten diese tarnenden Schichten jedoch, wurde es rasch brenzlig. Ein mittelblauer Teint, spitz zulaufende kleine Zähne und vor allem weder Bauchnabel noch primäre oder sekundäre Geschlechtsorgane: das warf unwillkürlich Fragen auf. Selbstredend gab es einige Antworten, doch die wären gegenüber Menschen nicht glaubhaft. Detorix, der Bürokratisch beherrschte, sich allerdings über das „humanoide“ Sortiment keinerlei Illusionen hingab, lehnte es entschieden ab herauszufinden, wie weit Toleranz ging. Zwar galt das Gebot, Menschen nicht (ohne zwingende Gründe in Selbstverteidigung) zu schaden, doch der Szenarize zog es vor, gar nicht erst in dieses Dilemma zu kommen. Von Chise wusste man ja, dass DER kein Dilemma erkannte, sondern Vidale mit Krallen, Raubtierzähnen und all seiner Kraft verteidigen würde. Außerdem gab es da noch die Wilden Daimonen-Hummeln. Nein, um Eskalationen zu vermeiden, musste verhindert werden, dass Menschen auf Vidale aufmerksam wurden. Dessen Talent zu Hypnose hielt ja leider nicht vor. „Aha“, murmelte Chise, der neben dem Computer einen kleinen Sack entdeckte. Detorix hatte es geschafft, einen Friedensstifter zu organisieren. Damit konnte man recht effektiv für Abstand und Gedächtnisverlust sorgen. Chise widmete sich dem Bildschirm, während er auf Vidales Aktionen in der Teeküche lauschte. „Detorix war so nett, mir einen Zugang zur Leihbücherei zu besorgen. Ich habe gleich nachgeschaut, ob es eine hilfreiche Anleitung für die Mikrowellengerät-Benutzung gibt“, vernahm Chise. Er wusste, dass Vidale Technik-affin war. Zumindest der aktuellen in der Menschenwelt. Das „System“ in Vidales Fremdwelt reagierte mit Avataren auf mündliche Anweisungen, während die Lebewesen allein im Gedankenaustausch kommunizierten. Tastatur, Maus, Eingabemasken, das war Vidale mit ein wenig Übung sofort vertraut. Die Leihbücherei kannte er, zumindest die Regale, die am Riss Spalier standen. Was natürlich fehlte, war die grimmige Warnung vor digitalen „Morlocks“, also ein überlebenswichtiges Misstrauen. Und die menschlichen Alternativen zu geothermischer Kücheneinrichtung. Chise hegte diesbezüglich keine Zweifel an Vidales verblüffender Lernfähigkeit. Schließlich hatte Vidale mühelos die Waschmaschine genutzt, um für eine kleine Gegenleistung die Menschenkleidung der pendelnden Daimonen zu säubern. „Das sieht mir allerdings nicht wie ein Rezept aus“, kommentierte er laut und begann, am nächsten Absatz seine Fähigkeiten als volltönender Vorleser zu demonstrieren. Rasch erkannte Chise, dass er sich wohl auf einem dramatischen Höhepunkt einer fiktionalen Erzählung aus der Regency-Ära befand. Zumindest, wenn man nach den Kleidungsstücken urteilte, die nach der hoch-emotionalen Aussprache von den beteiligten Personen abgelegt wurden. Mit einer schmerzlichen Grimasse registrierte Chise nicht nur ein Übermaß an „irgendwie“, das jeweils die Verwicklungen schlagartig auflöste, sondern auch die lyrischen Versuche, human-biologische Vorgänge zu schildern. Alles gipfelte selbstredend in Superlativen und Absolutismen. Möglicherweise lag es auch an der Transkription, dass ihm die Passagen unfreiwillig komisch erschienen. Als er sich aufrichtete, hatte Vidale auf dem ehemaligen Empfangstresen zwei Schalen mit Auflauf und Teebecher samt Besteck angerichtet. Die großen, dunklen Augen studierten ihn prüfend. Prompt verabschiedete Chise seine Grimasse, argwöhnte zutreffend, dass ihn seine Emotionen verraten hatten. „Es ist ein wenig redundant“, bemerkte Vidale ruhig, gestikulierte mit einer schmalen Hand, auf den schlichten Hockern Platz zu nehmen. „Redundant?“, wiederholte Chise verwirrt, setzte sich, ignorierte Tee und Auflauf. Er wollte nicht, dass Vidale sich kritisiert fühlte für seine Lektüre. Vidales Lippen umspielte ein schelmisches Lächeln. „Ich bin froh, dass du dich um meine Gemütsverfassung sorgst“, zwinkerte er, zupfte sanft an dem verkürzten Dreadlock, den er mit einem Schmuckstrang ergänzt hatte. „Zuerst habe ich selbstverständlich nach Anleitungen und Rezepten für die Mikrowelle gesucht. Dann führte mich die Such-Funktion in Versuchung.“ Chise nahm Vidales Hand, die seinen Dreadlock hielt, hob sie, um auf den Handrücken einen Kuss zu platzieren. „Du kannst lesen, was immer dir gefällt, Vidale. Wir bekommen schon raus, wie man mit dem Gerät umgeht. ICH habe ja gar keine Ahnung“, versicherte er. Sich auf zwei separate Kochplatten, einen elektrischen Wasserkocher und ein Mikrowellengerät verlassen zu müssen, stellte ihn auch vor Herausforderungen. Wenigstens ließ der kleine Kühlschrank keine Fehlbedienung aus Unkenntnis zu. Vidale schmunzelte über diesen offenkundigen Versuch, ihm zu versichern, dass sein Urteilsvermögen wie immer untadelig in Chises violett-leuchtenden Augen war. „Ich fürchte, es verhält sich durchaus so, wie Detorix gesagt hat: Jane Austens Name ist ein Verkaufsargument. Ich war neugierig“, verlegen lupfte er die mageren Schultern, eine erlernte Reaktion. „Du hast gerade geschmökert, hm? Ich wollte dir das Vergnügen nicht verderben“, seufzte Chise. Glucksend schüttelte Vidale den Kopf. In seinen großen, dunklen Augen tanzte Amüsement. „Tatsächlich hatte ich schon diverse Werke gelesen. Und deshalb erschien mir diese Passage...repetitiv“, bemühte Vidale sich um eine euphemistische Umschreibung. „Diverse Werke?“, Chises Augenbraue wanderte hoch, „wie viele denn?“ Merklich verlegen gab Vidale seinen Dreadlock frei, gestikulierte zu den dampfenden Schalen. „Nun, im Verzeichnis waren 20 Werke der Autorin registriert, jedoch zur Kurzausleihe nur 18 verfügbar“, erläuterte er leise, „das ist Nummer 16 in meiner Ausleihliste.“ Geistesgegenwärtig zögerte Chise, an seinem Teebecher zu nippen. Detorix hatte HEUTE den Computer aufgebaut und eingerichtet, die Zugangsdaten mitgeteilt…?! „Ach du großer M“, formulierte er andächtig. Sie wussten ja, wie rasant Vidale las und lernte, doch es überraschte ihn immer wieder. „Ich habe mir vorher Notizen gemacht“, eilig wandte Vidale sich herum, präsentierte ein schlichtes Notizbuch mit einem Bleistift als Lesezeichen. In seiner präzisen Handschrift in Daimonisch konnte Chise neben einer frappierend genauen Zeichnung des Mikrowellengeräts Anmerkungen und Empfehlungen lesen. „Vidale, ich unterstelle dir bestimmt keine Nachlässigkeit“, schnurrte er zärtlich, drückte einen Kuss zwischen die schwarzen Löckchen auf Vidales Schläfe, „ich bin sehr froh, dass dir hier so eingesperrt nicht langweilig wird.“ Den Kopf rasch schüttelnd räumte Vidale seine Utensilien beiseite. „Oh nein, es ist sehr unterhaltsam, wirklich! So viele nette Daimonen! Alle erzählen mir etwas, ich lerne sehr viel!“, betonte er emsig. „Dann ist es absolut jenseits aller Kritik, dass du liest, was und wie viel du möchtest“, bekräftigte Chise entschieden. Neben ihm lächelte Vidale über diese enthusiastische Unterstützung und senkte den Löffel in seine Schale. Einige Augenblicke schwelgten sie in Detorix‘ kulinarischen Köstlichkeiten, bevor Vidale das Wort ergriff. „Ich hatte etwas anderes erwartet, weißt du? Vielleicht habe ich die Hintergründe nicht richtig verstanden“, seufzte er leise. Chise schwang sich sofort zur Verteidigung auf. „Zugegeben, es ist GANZ SICHER nicht wie ein Werk von Jane Austen. Andererseits ist Unterhaltung wichtig fürs Gemüt, nicht wahr? Möglicherweise habe ich bei der Szene etwas grämlich reagiert, aber das liegt nur an mir“, betonte er ritterlich-entschlossen. Vor allem, weil es ausgerechnet diese Sex-Szene sein musste! Der regelmäßige Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes) aller vorangegangenen Entwicklungen, samt detaillierter Regieanweisung für die handelnden Personen! Vidale konnte mit den entsprechenden Organen nicht aufwarten, fühlte sich deshalb möglicherweise verunsichert! Was Chise nicht zulassen würde, niemals! Seine Emotionen verrieten ihn an Vidale, das war nicht zu vermeiden. „Weißt du, mich stört regelmäßig diese Zuspitzung, dieser Perfektionismus! Das legt die Latte der Erwartungen so hoch, dass man scheitern muss, selbst WENN man solche Erzählungen als Märchen für Erwachsene einordnet“, sprudelte er hervor. Vidale staunte ihn überrascht an. „Es ist häufig so übertrieben, so eingleisig! Alles perfekt, nichts geht schief, es gibt keine Zweifel, keine Alternativen. Nur genau EINE Lösung. So funktioniert es im echten Leben aber nicht. Da ist man dann ernüchtert und enttäuscht“, legte Chise mit Elan nach. „Oh. Ich begreife es jetzt“, wisperte Vidale konzentriert, schnappte sich Chises geschmückten Dreadlock vertraut und zupfte kurz daran, „wie ignorant von mir!“ „Du bist nicht ignorant“, protestierte Chise im automatischen Reflex. Ignoranz rangierte bei Vidale nahe an Todsünden. Falls es in der ihm unbekannten Fremdwelt so ein Konzept überhaupt gab. Mit einem Lächeln schüttelte Vidale leicht den Kopf. „Ich fürchte doch, mein Freund. Weißt du, ich habe mich nie als beteiligt angesehen. Ich habe mich nicht ‚identifiziert‘, sagt man das so?“, erkundigte er sich amüsiert. Chise blinzelte, was den Raum kurzzeitig wie eine Disko funkeln ließ. „Ach“, murmelte er baff. Richtig, es ging um MENSCHEN, und Vidale war kein Mensch. Trotzdem erkannte man sich doch in gewissen Emotionen und Handlungen wieder, oder nicht? Weitergedacht bedeutete es ihm auch, dass er sich nicht so echauffieren musste, Vidale zu belegen, dessen Körper sei überaus fähig, Intimitäten auszutauschen. Vidale gluckste nun, zupfte am Dreadlock, „oje, ich bin doch nicht so rasch in meiner Auffassungsgabe, nicht wahr?“ Das schien ihn glücklicherweise nicht mehr so zu erschüttern wie am Anfang ihrer Begegnung rund um Halloween des vergangenen Jahres. „Mit deiner Auffassungsgabe ist alles in Ordnung“, versicherte Chise, lupfte Vidales Kinn leicht und küsste ihn auf die Lippen, „ICH steigere mich wohl zu sehr in die Menschenwelt rein. Und auch noch in Kostüm-Romanzen!“ Der letzte Ausruf wurde von einem erbarmungswürdigen Seufzen begleitet. Vidale lachte leise, erwiderte den zärtlichen Kuss. „Kostüm-Romanzen, das ist sehr passend ausgedrückt!“, lobte er, strahlte Chise liebevoll an, „ich werde diese Perspektive wählen.“ Den Kopf wendend lauschte Chise nach draußen, nutzte sein außerordentliches Gespür. Er nahm Vidales schlanke Hände in seine, raunte in seinem verführerischsten Timbre, „mein Freund, wollen wir einen Ausflug unternehmen? Ich verspüre große Sehnsucht nach einer Schaukelpartie.“ ~*+*~ Dick vermummt und gut getarnt unternahmen sie einen Abstecher zum Spielplatz. Der lag trotz später Stunde, Dunkelheit und sehr unwirtlicher Witterung nicht so verlassen da, wie man vermuten sollte. Die Schaukeln waren frei, was ihnen wichtig war. Anderen kam es wichtig vor, ihre nicht existenten Besitzansprüche auf das gesamte Gelände ausdehnen zu wollen. Bevor Chise die Sonnenbrille auf die Krempe seines Homburgers lupfen und die Ärmel hochkrempeln konnte, verfielen die menschlichen Unruhestifter nach verbalen Entgleisungen in ihre Richtung auf die fatale Idee, Pfefferspray zum Einsatz bringen zu wollen. Das missfiel den unternehmungslustigen Wilden Daimonen-Hummeln, die Vidale gern Gesellschaft leisteten, außerordentlich. So gaben die einen Fersengeld, mitten in die selbst ausgelöste Reizgaswolke, während die anderen bewiesen, dass sie zwar nicht „Staaten-bildend“ waren, aber koordiniert zur Attacke fliegen konnten. Chise lachte laut, dirigierte Vidale auf die Schaukel und sorgte für Schwung. Es ging eben nichts über gute Freunde, vor allem in Schwarm-Stärke! ~*+*~ „Geh schon vor, ich bin gleich bei dir“, raunte Chise Vidale zu, als sie auf den Trittsteinen zur Pforte hopsten, um nicht im nasskalten Schlamm aufzukommen. Der kümmerliche Rasen, eher eine vermooste Wiese, versank im Matsch. „Mach ich“, klapperte Vidale dezent mit den spitz zulaufenden, kleinen Zähnen, steuerte die Doppeltür an. Die daimonischen Käfer ließen ihn sofort ein. Im Foyer schüttelte er die Wollsachen, den Parka, die Jeans und die ungeliebten Sneaker ab, wieselte im Yak-Pullover zum Wäscheständer, um seine „Menschen“-Bekleidung zum Trocknen zu deponieren. Die daimonischen Leuchtkäfer in den Laternen drehten munter auf, als sie wieder Gesellschaft registrierten. Lächelnd huschte Vidale auf Zehenspitzen von der Loge in die Teeküche, wechselte in den winzigen Waschraum dahinter. Der ähnelte einem gekachelten Wandschrank, ausgestattet mit einem Vogelbad als Waschbecken und einem schmalen Klosett mit Wassertank darüber samt Zugschnur. Auf dem Toilettendeckel regierte ein aufgeblasenes Fußwaschbecken mit Ananas-Musterung. Vom Bord unter dem Spiegel über dem Vogelbad apportierte Vidale einen Flakon mit daimonischem Seifenkraut, schubste das Fußwaschbecken mit einem nackten Fuß in die Teeküche. Chise grinste über die akrobatische Einlage, ging in die Hocke, um den Sonnenstein neben dem Fußwaschbecken aufzustellen. Der hatte auf der anderen Seite dank der zwei Sonnen den ganzen Tag Gelegenheit, sich mit Wärmeenergie aufzuladen. Nun strahlte sie wohlig in alle Richtungen aus dem kniehohen Stein, dessen Äußeres an Bernstein, urzeitliches Harz der Menschenwelt, erinnerte. Ohne halbhohe Schnürstiefel, Staubmantel und Homburger präsentierte sich Chise bereits im Daimonen-Zivil, schlichte Hose zu geschnürtem Hemd. Er nahm von der kurzen Anrichte einen aufgehängten Lappen und ein struppiges Handtuch, verneigte sich vor Vidale. „Darf ich?“, erkundigte er sich artig, schnurrte im samtigen Timbre. „Sehr gern, ich bitte darum“, antwortete Chise lächelnd. Er ging seiner Bekleidung verlustig, im Fußwaschbecken stehend, aufgewärmt durch den Sonnenstein. Mit Lappen, Seifenkraut-Schaum und Handtuch befleißigte sich Chise, ihn feucht abzutreiben und zu trocknen, systematisch und geduldig. Dass er immer wieder einem Fleckchen Haut seine Aufwartung durch einen Kuss machte, gehörte zu SEINER Belohnung. Für Vidale, das hatten sie herausgefunden, war es überlebenswichtig, dessen Haut als „Verdauungsorgan“ zu berücksichtigen. In der ihnen fremden Welt hatte sich ein „System“ mit einer Art „Kapsel“ um Vidales Körper gekümmert, Haare und Nägel gestutzt, den Leib gesäubert und gepflegt. In der Menschenwelt wurde daimonische Hand mit Krallen angelegt, so sanft und zärtlich wie möglich. Die Pforte war nicht zu Wohnzwecken ausgelegt, deshalb hieß es improvisieren. Chise konnte sich nicht beschweren. Er HATTE ja die Möglichkeit, auf der anderen Seite die Thermen zu besuchen, sich nach Lust und Laune im Wasser zu aalen. Allzu gern hätte er Vidale einmal ausgeführt, ihm gezeigt, welche Wunder in den unterirdischen Thermen besichtigt werden konnten, wie angenehm es war, nach einem Dampfbad durchgewalkt zu werden und anschließend in einer kühlen Brise durch einen wilden Garten voller Blumen, Gräser und Kräuter zu spazieren! Vidales schöner, mittelblauer Teint verhinderte Besuche in menschlichen Schwimmhallen oder gar Erlebnisbädern. In die Daimonenwelt gab es für ihn keinen Zugang, zumindest nicht im garantiert lebendigem Zustand. Während Chise einmal mehr kurz bedauerte, was Vidale nicht auskosten konnte, während er vor ihm kniete, die mageren Beine bestrich, beugte Vidale sich vor und küsste ihn leicht auf den Schopf voller Dreadlocks. „Ich genieße es sehr, exklusiv deine Aufmerksamkeit für mich zu haben“, neckte er Chise sanft, in violettes Augenlicht getaucht. Chise seufzte betont bedauernd, richtete sich auf und bot Vidale die Hand. Der nahm sie mit einem dankbaren Lächeln, entstieg dem Fußwaschbecken. Bevor Chise zu einem Pyjama aus Flanell (groß-kariert, grässlich!) greifen konnte, tippte Vidale ihn auf die Nasenspitze. „Darf ich um das Dessert bitten?“, erkundigte er sich verschwörerisch. Natürlich ließ Chise diese Offerte nicht aus, lupfte Vidale mühelos auf die schlanken Hüften und suchte sich in der Loge einen Hocker. Mit seinem anschmiegsamen Begleiter bugsierte er den Hocker in die Teeküche direkt neben den Sonnenstein, damit Vidale nicht fror. Er ließ sich nieder, Vidale rittlings auf den Oberschenkeln. Der streifte ihm das Hemd über das Haupt, mit einiger Geduld, da die Dreadlocks gern intervenierten. „Ist dir wirklich warm genug?“, erkundigte Chise sich prüfend, studierte die großen, dunkeln Augen, wuschelte durch die schwarzen Locken. Nein, eine Windstoß-Frisur im Korinther-Stil funktionierte wirklich nicht mehr! Vidales schmale Hände glitten sehr langsam über seinen nackten Brustkorb, der Teint in altem Elfenbein ein edler Kontrast zur mittelblauen Haut. „Ich verstehe nichts von Superlativen in Kostüm-Romanzen“, neckte Vidale schelmisch, während seine Fingerspitzen kreiselnde Muster zeichneten, „aber ich hege eine große Vorliebe für Augenblicke der Perfektion.“ Chise grinste so breit, dass sein Raubtiergebiss erstrahlte. „Vernasch mich bitte, mein Freund! Darauf habe ich mich den ganzen Tag gefreut“, zwinkerte er anzüglich und zog Vidale noch näher heran. ~*+*~ Chise kletterte vorsichtig aus der Hängematte, die er sich mit Vidale teilte. Ärgerlicherweise benötigte SEINE Verdauung regelmäßige Entleerungen in stillen Örtchen. Fürsorglich zupfte er die Decke zurecht, tastete nach den Sonnenstein, der noch einen Rest Wärme abstrahlte. Vidale schlief an seiner Seite, ein wenig eingefaltet, damit sein Lockenschopf auf Chises Brustkorb ruhen konnte. Die Herzschläge schienen ihn zu beruhigen. Chise fragte sich, während er Ballast abschüttelte, ob sie irgendwann durchschauen würden, wie Vidales „System“ funktionierte, die seltsame Reinigungskapsel und das Ding, in das er sich wie ein Sonnenstuhl zusammengeklappt hatte, um darin zu schlafen. Wie groß die „Sphäre“ gewesen war. Was Vidales Aufgabe gewesen war, in dieser Fremdwelt. Chise war froh, dass Vidale sich nicht grämte, jede Erfahrung als Abenteuer begrüßte, jeden weiteren Augenblick als Geschenk. Er selbst wollte ihre Gesellschaft so oft wie möglich pflegen, die eigene Unsicherheit und ungezielte Wut endlich vollkommen überwinden. Als er im gedämpften Schein der Daimonen-Laternen zur Hängematte zurückkehrte, das violette Leuchten seiner Augen auf Vidale gerichtet, überkam ihn einmal mehr eine fast schmerzhafte Demut. Beinahe hätten sie einander nie getroffen. Fast wäre Vidale in seinen Armen auf einer Giftmülldeponie gestorben. Chise hielt nicht viel von überzogenen Gefühlsbekenntnissen, doch hätte man ihn gefragt, würde er antworten, dass es wohl Liebe sei, dieses Spektrum an Emotionen, Empfindungen und Gemütsbewegungen. Vidales Fähigkeit zum „Gedankenlesen“ operierte auch im Schlaf, denn unvermutet rollte er seinen mageren Körper im Flanell-Pyjama herum, schlug die Augen auf und streckte Chise eine Hand hin. „Lass uns noch ein bisschen schlafen, ja?“, wisperte er mit rauer Stimme. „Ja“, Chise atmete tief durch, um den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken, küsste den Handrücken zärtlich und enterte geübt die Hängematte. Vielleicht hielt er Vidale ein wenig enger als gemütlich war, doch anders hätte er die Beklemmung nicht abschütteln können. ~*+*~ Am späten Vormittag war das Wetter immer noch trübe. Es herrschte recht wenig Betrieb. Vidale „klappte“ virtuell den 34. Band seiner Auswahlliste an „Regency-Romanen“ zu, blinzelte, streckte sich und dehnte die mageren Glieder. Er hatte Chise versichert, dass es ihn freute, sich am Abend gegenseitig die Abenteuer des Tages zu berichten. Dessen Sorge, ihn allein zurückzulassen, ohne Fluchtmöglichkeit, ohne Gesellschaft, auf die Pforte und den Grünstreifen beschränkt, veranlasste Vidale, konzentriert über weitere Argumente zur Beruhigung nachzusinnen. Seine Hypnose-Fähigkeiten und die Wilden Daimonen-Hummeln konnte er in die Waagschale werfen, richtig? Zudem hatte Detorix ihm einen Friedensstifter überlassen, die ultimative Waffe gegen aufdringliche Menschen. »Wahrscheinlich liegt es an seinem abwechslungsreichen Tage- oder auch Untertage-Werk«, diagnostizierte Vidale, wirrte sich durch die schwarzen Locken. Chise kam herum, wanderte durch die Gegend, setzte seine Fähigkeiten weiträumig ein. Wie sollte man ihm begreiflich machen, dass es keine allzu große Einschränkung war, in der Pforte zu bleiben, sich selbst zu beschäftigen, wenn man seine Existenz, zumindest erinnerte sich Vidale nur so, in einer „Sphäre“ mit immer gleichen Programmen und Routinen gefristet hatte? Direkten, körperlichen Kontakt hatte er vor seinem Abenteuer in der Menschenwelt gar nicht gekannt. Wie anders war das hier mit den Daimonen, die kamen und gingen, mit den Wilden Daimonen-Hummeln, die so viel zu berichten hatten! Er langweilte sich nicht. Es gab immer etwas zu entdecken, zu lernen, zu überdenken. Außerdem galt es herauszufinden, was man in der Mikrowelle zubereiten konnte, ohne es zu verderben. Vidale wusste, dass der Dienst hier am Tor mit der Nutzung der Pforte abgegolten war, inklusive des Computers und der damit verbundenen Dienste. Kleidung, Nahrungsmittel, alles andere, das bestritt Chise durch seine Leistung, seinen Einsatz. Da wollte Vidale nicht das Risiko eingehen, aus Ignoranz etwas zu ruinieren. „Ich würde auch gern meinen Beitrag leisten“, seufzte er leise. Allerdings hatte Detorix diesbezüglich enge Grenzen gesetzt: in der Menschenwelt konnte Vidale nicht „existieren“. Er fiel zu sehr aus dem akzeptablen „menschlichen“ Spektrum. In die Daimonenwelt konnte Vidale auch nicht gelangen. Er saß deshalb mit dem „illegalen Status“ hier fest, musste „unsichtbar“ bleiben. Wie sollte man sich da ein Zubrot verdienen? Während Vidale auf und ab ging, grübelte, registrierte er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung am mageren Strauch neben dem Tor. Zunächst materialisierte sich ein großgewachsener Mann in Latzhosen mit einem wirren Schopf, wuchernden Augenbrauen und einem völlig zerzausten Vollbart. Gerade bis zu seinen Ellenbogen reichend folgte ihm eine kleine Gestalt mit rosigem Schopf, rosafarbenen Augen und ebensolchem Teint. Auch sie trug Latzhosen, dazu neben einer Umhängetasche eine Schiefertafel mit Griffel um den Hals. Verblüfft schlüpfte Vidale in die lästigen Sneaker, wickelte sich in Parka und Schal, bevor er die Wollmütze auftopfte und hinaustrat. Die zwei seltsamen Gestalten stapften, die Köpfe gesenkt, langsam über die Trittsteine. „Guten Tag“, machte Vidale auf sich aufmerksam. Der bärtige Riese richtete sich auf. „Ah, du bist dieser Blaue, richtig?“, knurrte er grantig, gestikulierte mit einer kräftigen Hand, „das ist Lacrimosa und ich bin Lodur. Dieser enervierende Szenarize hat mich so lange gepeinigt, bis ich die Schnauze voll hatte, also sind wir hier.“ Vidale vermutete, dass Detorix gemeint war, begriff allerdings noch nicht, warum GENAU die beiden die unterentwickelte Flora begutachteten. „Willkommen“, wählte er eine vorsichtige Eröffnung zum Dialog, „kann ich vielleicht einen Dienst anbieten?“ Lodur schnaubte grunzend, rammte die Faust in den Boden, schnüffelte am Loch. Hilflos blickte Vidale zu Lacrimosa. Der Ex-Engel studierte ihn ebenso eingehend, kratzte eilig mit dem Griffel auf die Schiefertafel. [Was tun die Wilden Daimonen-Hummeln hier?], las Vidale ab. „Sie sind neugierig. Und etwas besorgt“, ergänzte er aufrichtig, weil Lodur wirkte, als wolle er gleich das Oberste nach unten kehren. [Verstehst du, was sie sagen?], entzifferte er nach einem hastigen Reinigungsversuch. „Ich kann mit ihnen in Gedanken kommunizieren“, gab Vidale zu, lächelte aufmunternd, „darf ich fragen, was euch hierher führt?“ Die mächtigen Fäuste in die Seiten gestemmt wandte Lodur sich zu ihm um. „Du hängst hier fest. Der glatzköpfige Schlaumeier meint, es wäre einen Versuch wert, hier was anzusiedeln, das das Tor abschirmt und dich verstecken kann. Für ne Weile zumindest“, knurrte er. „Oh, vielleicht ein Strauchdämon wie am Backsteinhäuschen bei Detorix und Artemis?“, tastete Vidale sich vor. Immer mehr Wilde Daimonen-Hummeln umkreisten ihn nun. „DAS hab ich nich gesagt!“, schnodderte Lodur prompt, „muss erst mal prüfen, wie‘s hier so ist. Ist nich trivial, Pflanzenpflege! Weiß noch nich, ob ich überhaupt was diesem menschlichen Gesocks anvertrauen will!“, polterte er. Bevor Vidale nachhaken konnte, grummelte er finster weiter. „Denk nich, ich wüsste nich Bescheid! Oh ja, Kumpel, ich KENN diese verblödete Affenbande, war schließlich mal ne Gottheit! Hab mich aber nich so aufgeführt wie dieser einäugige Depp samt seiner Schietvögel und dem Dummbatz mit dem Hammer! Völlig heruntergekommen die ganze Bande, halten sich aber für so was von BEDEUTEND und prominent!“ Er rollte die Augen, während Lacrimosa feixte. Der Ex-Engel war mehr als vertraut mit der Abneigung gegenüber den Asen, die als Ex-Göttlichkeiten Asyl gefunden hatten. „Man weiß nie, worauf diese dämlichen Trockennasen-Primaten hier kommen, aber EINS sag ich dir: die schrecken vor NICHTS zurück! Blöd und perfid, ne ganz üble Kombination!“, donnerte Lodur, zog sich den struppigen Vollbart lang. „Deshalb versteh ich schon, dass der Glatzkopf für dich ein Versteck organisieren will. Aber das wird den verdrehten Halb-Kronk nich dazu bringen, dich hier zu lassen“, schüttelte er entschieden den Kopf, „wobei er ziemlich gut austeilen kann, hab ich gehört. Ordentlich auf die Zwölf, gefällt mir.“ Er seufzte tief, „bringt bloß nix. Ein Vakuum kann man nich erschüttern.“ Lacrimosa erlöste Vidale von der Verlegenheit und aufkeimenden Sorge, er schwebe tatsächlich in Gefahr und könne Chise mit sich reißen, indem der Ex-Engel ihm die Schiefertafel vor die Augen hielt. Vidale blinzelte, nickte dann bedächtig. „Ich kann es versuchen. Wenn du mir vielleicht Bilder oder Zeichnungen besorgst, kann ich die Wilden Daimonen-Hummeln um Hilfe bitten“, antwortete er. Lacrimosa strahlte, kramte eilig in der Umhängetasche. Lodur schnaubte. „Irgendwann bringst du uns mit deiner Pflanzen-Kleptomanie mächtig in Schwierigkeiten.“ ~*+*~ Chise huschte hastig zur Pforte, ersparte sich Regenschirm und Plane. »Gefrierbrand!«, deklamierte er innerlich mit einer Grimasse, schnurrte guttural den Daimonen-Käfern zu, die ihn prompt hereinließen. „Willkommen zurück, Chise“, Vidale kam ihm entgegen, reichte ihm einen Pullover, blickte ihn besorgt an. „Danke schön“, Chise drückte einen kalten Kuss auf Vidales Stirn und dessen Lippen, „ich sollte mich wohl freuen, dass es nicht regnet, aber eiskalt ist es immer noch!“ Er schnupperte, spähte an Vidale vorbei Richtung Teeküche, „oh, was riecht denn da so appetitlich?“ Vidale nahm sanft seine Hand, führte ihn in die Pforte, „ich habe die Mikrowelle ausprobiert. Möchtest du einen Tee haben?“ Artig nickte Chise, verabschiedete sich innerlich von dem Versuch, Vidale etwas vorzumachen. Er ließ sich auf einem Hocker nieder, blickte um sich. Notizbuch, Stifte, der Zeichenblock aufgeschlagen, der Computer ausgeschaltet. „Vorhin waren ein Ex-Engel und ein Ex-Ase hier. Sie haben sich den Grünzug ums Haus angesehen. Offenbar möchte Detorix prüfen lassen, ob hier ein daimonisches Gewächs das Tor beschützen kann“, erläuterte Vidale aus der Teeküche. Chise bemühte sich, nicht grimmig zu blicken. Er zweifelte Detorix‘ Expertise nicht an. Wenn der solche Maßnahmen für geboten hielt, musste man sich Sorgen machen. Vidale transportierte vorsichtig zwei Teebecher und zwei bauchige Keramiktassen vor sich hier. Wie am Morgen trug er den Yakpullover über Flanell-Hosen und die grauen Puschen. Ein vorfreudiges Lächeln tänzelte um seine Mundwinkel. „Oh, das riecht ja köstlich!“, neugierig beugte Chise sich über die Keramiktassen. „Kuchen aus der Mikrowelle“, verkündete Vidale sichtlich stolz, ließ sich grazil mit seinen mageren Gliedern nieder, „Detorix hat mir über eine Mee-Poo ein paar Vorräte zukommen lassen.“ Tapfer würgte Chise ein Seufzen herunter und verzichtete darauf, seine violetten Mandelaugen zu verdrehen. „Es ist vielleicht noch ein bisschen heiß“, warnte Vidale, reichte Löffel weiter. Schweigend stippten sie in die dünne Kruste, ließen Dampf aufsteigen, pusteten sehr vorsichtig und kosteten. „Lecker! Wunderbar gemacht!“, lobte Chise mit sonorem Tonfall, zwinkerte, „vielen Dank, Maitre!“ Vidale zwinkerte schelmisch, mümmelte munter. Rasch näherten sie sich ohne Störungen dem Boden der jeweiligen Keramiktasse, nippten am Teebecher. „Ich hatte leider keinen Erfolg heute“, schickte Chise sich ins Unvermeidliche, blickte versonnen. „Die Spur war vielversprechend, das farbige Leuchten in der Höhle auch“, er zuckte betont nonchalant mit den Schultern, „doch dann habe ich bemerkt, dass es sich um einen Organismus handelt. Eine Art Flechte.“ Er konnte kein Lebewesen vom Gestein kratzen, es damit verletzen oder gar zerstören und in die Menschenwelt bringen. Somit sah es weiterhin sehr düster für eine große Brille aus, die mit Leuchtsteinen Vidales schönen mittelblauen Teint tarnte und für menschliche Augen unverdächtig machte. „Danke, dass du dich bemüht hast“, Vidales schmale Hand zupfte an Chises geschmücktem Dreadlock. Leider war das nicht die einzige Hiobsbotschaft, die Chise übermitteln musste. Woher Detorix davon Wind bekommen hatte, wollte er gar nicht ergründen. „Es gab nach einem heftigen Wolkenbruch Abgänge und Ausschwemmungen. Man hat um meine Hilfe gebeten. Ich habe das schon früher gemacht“, Chise schloss die Hände um Vidales, blickte in die großen, dunklen Augen. „Allerdings muss ich dafür drei Tage aufwenden.“ So lange bliebe Vidale hier allein. „Das ist eine wichtige Aufgabe. Ich werde dir sehr neugierig zuhören, wenn du mir von deinem Abenteuer berichtest“, lächelte Vidale ihn aufmunternd an. „Ich möchte dich nicht hier eingesperrt lassen, ohne Schutz“, murmelte Chise durch die Raubtierzähne. Bei Detorix und Artemis war Vidale zwar auch immer mal von ihm getrennt gewesen, weil er einen Arrest in der Daimonenwelt absitzen musste, doch da war immer jemand direkt an seiner Seite gewesen! Vidale gluckste leise, küsste Chises Nasenspitze neckend. „Ich habe hier jede Menge Besuch, die Wilden Daimonen-Hummeln, einen Friedensstifter und eine Internet-Verbindung. Vielleicht gelingt es mir, mit deinen Abenteuern zu konkurrieren!“, forderte er Chise schelmisch heraus. Der grimassierte gequält, beugte sich vor und lupfte Vidale mühelos auf seine Oberschenkel, umarmte ihn seufzend. „ICH werde dich vermissen, wenn ich mich zum Schlafen irgendwo allein einrolle“, schniefte er theatralisch. Vidale lehnte die Stirn an, von den violetten Augen strahlend ausgeleuchtet. „Ich kann dir den Plüsch-Kronk überlassen, damit dir weniger elend ist“, bot er großzügig an. Chise schnaubte und verabschiedete seine Darbietung als Drama-Daimon, „nein, der Plüsch-Kronk schläft mit dir hier in der Hängematte! Wenn ich schon nicht hier bin, muss die Stellvertretung meinen Platz warmhalten!“ Kichernd schmuste Vidale mit Chise, tupfte ihm federleichte Küsse auf. „Denk daran, was wir uns für Abenteuer zu berichten haben“, flüsterte er freundlich, „möglicherweise beherrsche ich dann schon ein weiteres Gericht aus der Mikrowelle? Wir werden unser Bestes geben, nicht wahr?“ Chise schnaufte schachmatt, herzte Vidale eindringlicher. Gegen dessen Lebenslust kam keine Miesepeterei an! ~*+*~ Am frühen Morgen war Chise aufgebrochen, nicht ohne Vidale vorher sehr lange zu umarmen, die Stirn in Kontakt, als könne er auch Gedanken austauschen. Vidale wünschte ihm gutes Gelingen und ein schönes Abenteuer, zwinkerte aufmunternd. Er wollte die Sorgen aus Chises Gedanken vertreiben, auch wenn er zugegeben hätte, dass ihm nicht viele Fährnisse hier in der Menschenwelt persönlich begreiflich waren. Es erschien ihm nicht so, als könnten sie für IHN Realität werden, wäre präziser ausgedrückt. Außerdem hatte er den vorherigen Abend zu sehr genossen, um Trübsal zu blasen. Mit Unterstützung der Bildersuche hatte Chise ihm Äquivalente der menschlichen Welt präsentiert, die einen Begriff davon schafften, was er zu bewältigen hatte. Vidale war mit einem solchen Gelände, tiefen Tälern, Gerölllawinen, Steppen und einer gewissen Endlosigkeit des Horizonts nicht vertraut. Seine „Sphäre“ hatte dies nicht geboten. Die Ausflüge vor seiner Metamorphose mit mittelblauem Teint unter Detorix‘ Aufsicht führten nur in die städtische Umgebung. Was für ein interessantes Gelände! Noch auf dem Weg zum Spielplatz befragte er Chise eifrig, wollte sich in Gedanken ein konkretes Bild machen. Als müsse er später eine korrekte Zeichnung anfertigen, um sich einem Prüfungsgericht zu stellen. Von unternehmungslustigen Wilden Daimonen-Hummeln begleitet hatten sie dieses Mal keine Konkurrenz, konnten sich schwungvoll lachend der Gravitation entziehen. Zu Hause angekommen, nach dem täglichen Abreiben, tauschte er mit Chise Zärtlichkeiten aus. Intimitäten, die ganz ohne die literarischen Ergüsse (ohoh, Kalauergefahr!) in Form von Ohnmachtsanfällen, ekstatischem Geschrei und olympischen Rekordversuchen auskamen. Vidale bemerkte zufrieden, dass in Chises Gedanken kaum noch die bange Sorge aufblitzte, er könne sich unzulänglich mangels primären und sekundären Geschlechtsorganen fühlen. Diese Abweichung von der „Norm“ bei Menschen löste in ihm ausschließlich ein gewisses Bedauern in Bezug auf das Assimilieren in der Menschenwelt aus. Vor der edukativen Vorführung des Pornos, Detorix‘ letztes Mittel, ihm begreiflich zu machen, warum er auf der Hut sein musste, schien ihm seine Gestalt ganz und gar nicht mangelhaft oder nachteilig. Das galt weiterhin, nun, weil Chises Gedanken für ihn offen lagen, sie teilten, was Chises Körper und dessen Reaktionen boten. Solange Chise nichts vermisste, sich nicht eingeschränkt fühlte, war Vidale nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich, ja, fast selig. Wer hätte vermutet, dass physische Nähe so berauschend und bereichernd sein konnte? Deshalb betrachtete Vidale die Aussicht auf drei Tage Trennung von der positiven Seite, mit ordentlich Anschub durch das genossene Glück. Allein blieb er ohnehin nicht. Diamonen pendelten, hielten Schwätzchen mit ihm, brachten zum Austausch für gewaschene Kleidung mit, was sie für wertvoll hielten. Außerdem hatte Detorix selbstredend persönlich reingeschaut, akribisch die kargen Vorräte überprüft und NATÜRLICH eine große Tüte mit Keksen da gelassen. Vidale lächelte in sich hinein, während er Menschenkleidung sortierte. Zwei Kontrebandeure, die das Tor und die Pforte als „Staffelstation“ nutzten, hatten sie „requiriert“. Oder „gefunden“. Das klang besser als das flinke Durchwühlen von Plastiksäcken auf der Suche nach Verwertbarem. Üblicherweise „liehen“ die Kontrebandeure Gegenstände aus der Menschenwelt aus, mit geprüftem Auftrag und möglichst ungesehen. „Menschenplunder“ sollte nicht in der Daimonenwelt zu Umwelt- und Entsorgungsproblemen führen. Wenn aufmerksame Kontrebandeure jedoch „zufällig“ über Fundsachen stolperten, die nicht in die Daimonenwelt gelangten, war bestimmt nichts einzuwenden, oder? Vidale prüfte die Kleidungsstücke so, wie er es anhand der Lektüre der Austenschen Werke und der Sekundärliteratur zur „Prinzregentenzeit“ (Regency) gelernt hatte. Die meisten Daimonen bekamen von Kunststoffgeweben Ausschläge und zogen deshalb Pflanzenfasern oder die gesponnene Wolle von Tieren vor. Außerdem sollte der gewebte Stoff nicht mit Imprägniermitteln behandelt sein. Schnuppernd und reibend vergewisserte sich Vidale des Zustands. Was seine akribische Prüfung nicht bestand, würde wieder den Weg zurück finden. „In diese Bekleidungscontainer, auf Ehrenwort“, bekräftigen die zwei Daimonen fröhlich. »Jetzt müsste ich nur noch wissen, wie man näht, strickt und häkelt«, dachte Vidale. Die Theorie konnte er sich bestimmt beibringen, allerdings wären wohl Werkzeuge und Garne nötig. Er faltete das letzte Kleidungsstück und entschied, dass genug vorhanden war, um die Waschmaschine in Betrieb zu setzen. Als er in die Loge zurückkehrte, wuselten Daimonen-Käfer an der Doppeltür, um Besuch einzulassen. „Hallooo“, meldete sich eine fröhliche Stimme melodiös. Die zugehörige Person reichte Vidale gerade bis zur Nasenspitze, eingeschlossen den mit einem farbenfrohen Tuch gebundenen Turban. Sie versank förmlich in einem gewaltigen Pullover aus ungefärbter Yakwolle. Darunter gab es schlichte Stoffhosen und leichte Sandalen zu besichtigen. Vidale lächelte freundlich in das runde Gesicht mit den Grübchen in Wangen und Kinn, „willkommen und einen guten Tag.“ „Vidale, richtig?“, ein leichtes Neigen des Kopfs, die schwarzen Augen funkelten munter, „ich bin Jezabel! Oh, ist das auch ein Pulli aus Yakwolle?“ Schon zupfte eine Hand neugierig an Vidales Pullover mit dem von Chise nicht sonderlich geliebten Weihnachtsmuster. „Ich war bei den Yetis und den Yaks!“, verkündete Jezabel strahlend, „die sind so nett und knuffig! Natürlich erst, nachdem ich übergesiedelt bin.“ Jezabel registrierte Vidales Verwirrung, schnippte mit den Fingern. „Oje, ich rolle das falsch auf, nicht wahr? Ich bin eine Ex-Dschinniya. Also quasi ein früherer Geist. Allerdings habe ich nie in einer Flasche oder in so einer mickrigen Lampe gehaust!“ Vidale blinzelte überrumpelt, wurde von Jezabel ungeniert untergehakt und zu den Stapelhockern vor der Empfangstheke geführt. „Also, das war so: Menschen haben sich Geister ausgedacht. Die waren mächtig, konnten sogar Wünsche erfüllen. Einige zumindest. Und nur manche Wünsche“, Jezabel zog die Nase kraus, „also, mit Einschränkungen. Sozusagen einer Menge Kleingedrucktem.“ Bequem auf den Hockern eingerichtet erklärte sie Vidale ihren Werdegang mit größter Selbstverständlichkeit. „Als Dschinniya ist es ziemlich blöd, wenn man Platzangst hat, kann ich dir flüstern! Hatte ich aber, deshalb keine Unterbringung in winzigen Behältern. Ich habe in Amphoren oder Fässern gehaust. Ach so, Dschinn müssen sich an einen Gegenstand binden, weil sie ja zumeist als Geist körperlos sind. Wir kamen raus, wenn man den Behälter geöffnet hat. Oder nach uns gerufen. Dann mussten wir zu voller Größe expandieren, blitzartig!“ Dabei breitete sie die Arme aus, die im Yakpullover nur zu ahnen waren, wirbelte gestikulierend durch die Luft. „Kannst dir sicher vorstellen, dass das nur in heißen Gegenden überhaupt funktioniert, weil die Energie ja irgendwo herkommen muss! Deshalb hätte ich als Dschinniya NIE eine Chance gehabt, Yaks und Yetis zu treffen! Viel zu kalt!“ Ein zufriedenes Grinsen prägte die Grübchen noch tiefer in die Wangen. „Weißt du, ich habe ziemlich lange durchgehalten, bis bei den Briten diese Ägyptomania ausgebrochen ist. Da dachte ich mir, ich könnte auch als Medium agieren, bloß, unter uns: dieser Spiritismus nahm echt IRRE Züge an!“ Jezabel nickte gewichtig, in betontem Ernst. „Ich hab meine Chance genutzt und um Asyl gebeten. Der große M ist ja sehr tolerant. Allerdings wollte ich ja nicht so weitermachen wie bisher. Ich hab ganz schlau gefragt, ob ich mich an die Daimonenwelt binden kann. Somit absolute Bewegungsfreiheit! Und weil ich schon im Schwung war, wollte ich einen Körper haben, ganz physisch, schön verdichtet. Ich meine, ich habe vorher nie was gegessen!“ Vidale lauschte verblüfft dem munteren Monolog. „Du denkst wahrscheinlich: komisch, die Dschinn auf den Bildern sahen aber anders aus“, Jezabel klopfte Vidale auf einen Ärmel, „aber diese Figur wollte ich bestimmt nicht mehr haben!“ Sie sprang auf und gestikulierte expandierend Kurven in alle Himmelsrichtungen. „Die Leute machen sich ja keine Vorstellungen, wie unpraktisch so was ist! Dabei ist die Schwerkraft auch kein Freund, oh nein! Nie Klamotten von der Stange, immer in Gefahr, dass irgendwas heraushängt oder eine Naht platzt! Nein, nein, nicht mit mir! Zudem brauche ich bloß die Verdauung mit einem Ausgang, das andere Zeug habe ich gestrichen!“ Es folgte ein Zwinkern, „das haben wir gemeinsam, habe ich zumindest gehört.“ „Das kann ich bestätigen“, antwortete Vidale, erhob sich, „darf ich dir einen Tee und Kekse anbieten?“ Jezabels eifriges Nicken erläuterte ihm, dass dieser Besuch zweifellos einen besonderen Zweck verfolgte und so rasch nicht vorbei sein würde. Er setzte Tee auf und gestattete Jezabel, sich in der Teeküche und dem winzigen Bad umzublicken. „Oh, das ist schon richtig nett hier!“, lobte sie, ging vor der Waschmaschine in die Hocke und kommentierte das „Farbfernsehen“ mit „genau einem Programm“. Vidale lachte mit, genoss die gute Laune. „Ich dachte eigentlich, dass frühere Wesen aus der Menschenwelt nach dem Wechsel nicht mehr zurück dürfen?“, erkundigte er sich, als sie bei Tee und Keksen saßen. Mümmelnd nickte Jezabel, schüttelte den Kopf, zwinkerte und schluckte. „Die meisten bleiben tatsächlich auf der anderen Seite. Sie sind entweder an irgendwas gebunden oder rausgeschmissen worden und deshalb beleidigt. Ich darf mich auch nur mit Vorsicht hier bewegen, bin jetzt aber nicht mal mehr als Dschinniya zu erkennen“, erklärte sie grinsend. Tatsächlich hätten Menschen Jezabel in Bekleidung wohl nicht für Besuch aus einer anderen Welt gehalten. „Weißt du, wie es auf der Daimonen-Seite des Tors aussieht?“, sie nippte an ihrem Tee. Vidale ahnte, dass man sich dem Zweck des Besuchs näherte. „Chise hat es mir beschrieben. An der Grenze steht ein kniehohes Türmchen aus Steinen als Markierung. Die nächste Siedlung ist etwas entfernt. Es gibt einen gemütlichen Spazierweg inmitten einiger Felder und Büsche“, wiederholte er die Aussagen seines Freundes. „Richtig“, Jezabel nickte, wühlte unter dem überformatigen Yakpullover, bis sie eine Umhängetasche ausgegraben hatte. Aus derem Inneren beförderte sie abgeschnittene Halme und Blütenstängel. „Dort wachsen Kräuter, Gräser und Blumen, um die ich mich kümmere. Ich schneide sie regelmäßig und verarbeite sie zu Potpourris und Duftsäckchen.“ Vidale nahm eine Handvoll Grünwerk und ein Duftsäckchen entgegen. Er schnupperte, genoss den würzig-aromatischen Geruch. „Menschen mögen die Mischung. Sie hängen sie in ihre Schränke oder legen sie zwischen ihre Kleider in Schubladen oder Koffer“, Jezabel studierte ihn aufmerksam. „Weißt du, als ich hörte, dass die Pforte wieder besetzt wird, dachte ich mir, ich frage mal, ob du vielleicht mit mir zusammenarbeiten möchtest. Menschenwährung zu verdienen kann recht nützlich sein“, Jezabel zwinkerte. Vidale betrachtete die Duftsäckchen, die gebundenen und kunstvoll geflochtenen Sträuße und die Potpourris. „Ich habe so etwas noch nicht gemacht. Zeigst du mir, wie man diese Dinge herstellt?“, erkundigte er sich eifrig. Jezabel grinste breit. „Auf DIESE Stichworte habe ich gewartet!“ ~*+*~ Warum Jezabel „Menschenwährung“ bzw. „Kredit“ benötigte, erfuhr Vidale, während er mit wachsendem Geschick lernte, wie man die duftenden Güter herstellte. Jezabel agierte nämlich auch noch als „Kulturattachee!“ Die Beauftragung erfolgte durchaus offiziell. Sie bestand darin, die Gegenwartskultur der Menschen zu verfolgen und interessierte Daimonen darüber zu informieren. Weshalb Jezabel ein elektronisches Lesegerät hatte und über einige verschlungene Wege Strom und Netzzugriff bekam. „Detorix hat mir auch eine Verbund-Kennung besorgt“, teilte Vidale mit, säumte mit Eifer ein kleines Duftsäckchen. „Oh, ich weiß!“, Jezabel flocht Kräuter und Blütenstängel ineinander, „ich bin fast umgefallen, als ich die Liste der ausgeliehenen Medien gesehen habe!“ Erschrocken blickte Vidale auf. „Oh nein, habe ich mir zu viel ausgeliehen? Das tut mir leid!“, entschuldigte er sich besorgt, befürchtete, unsäglich „ignorant“ gewesen zu sein, als er seiner Neugierde die Zügel schießen ließ. „Aber nein!“, Jezabel lachte und wuschelte ihm durch die schwarzen Löckchen, „ich war bloß verblüfft! Du liest auch gern, nicht wahr? Du könntest auch Kulturattachee sein! Das wäre wirklich prima, weil ich so gerne meine Eindrücke diskutiere.“ Ein tiefes Seufzen folgte auf diese Aussage. „Es gibt leider nicht so viele, die sich gern mit mir über die Populär-Kultur austauschen möchten. Ich fand die Idee eines ‚Buchclubs‘ wie bei Menschen immer reizvoll“, bekannte Jezabel. Vidale registrierte sein „Stichwort“. „Ich lese gern und habe noch viel über die Populär-Kultur der Menschen zu lernen. Wenn es dir zusagt, möchte ich mit dir über diese Dinge sprechen.“ Prompt sprang Jezabel hoch, klatschte in die Hände, jauchzte und strahlte Vidale an. „Oh, prima, prima, prima! Das wird grandios! Wenn du so flott liest, hast du mich sicher bald überholt!“, prophezeite sie euphorisch. Vidale schmunzelte, da ER sich seiner Unkenntnis über die Menschenwelt äußerst bewusst war. „Weißt du, was mich gerade umtreibt?“, Jezabel nahm Platz, rückte vertraulich zu ihm rüber, „ich orientiere mich nämlich an den Schlagworten und ihrer Häufung. Weil ich ja auch kompetent sein muss, falls der Große M Neuzugänge zulässt.“ Fragend blickte Vidale in Jezabels rundes Gesicht, das vor Spannung geradezu leuchtete. Sie flüsterte verschwörerisch: „Vampire!“ ~*+*~ »Verwirrend«, dachte Vidale, fühlte sich matt, obwohl er in geschmeidigem Tempo die Rohwaren in Duftsäckchen, Potpourris und geflochtene Sträuße verwandelte. Zwar hatte er mit Chise über die Literatur, die zum Steampunk in das viktorianische Zeitalter führte, ein wenig diskutiert und war über die bekanntesten Grusel- und Horrorgeschichten informiert worden, doch abgesehen von drei sehr bekannten Werken wusste er wenig über „Vampire“. Verblüffender Weise befand er sich damit in großer Gesellschaft. Zumindest, wenn man auf der Suche nach Fakten war. Jane Austen hatte auf populäre Werke in ihrer Jugend referiert, die recht abenteuerliche, höchst unglaubwürdige Wendungen nahmen und längst vergessen waren. Darin kamen keine Untoten vor. Wenn Vampire untot waren. Vidale studierte seine Notizen erschöpft. Bis an die äußerste Kapazitätsgrenze hatte er ausgeliehen, was verfügbar war. Zu seiner rasanten Lektüre gehörten Notizen und der Skizzenblock einfach dazu. „Was GENAU ist denn ein Vampir?“, murmelte er seufzend, rieb sich die großen, dunklen Augen. Abgesehen von den „Kostüm-Romanzen“, deren Äquivalent es auch bei Vampir-Romanen gab, eingeschlossen explizite, wenn auch recht redundante Sex-Szenen, war er bei „Mystery“, „Fantasy“, „Urban-Fantasy“ und „Enemy to lovers-Trope“ gelandet. Das half nur so weit, dass es zumindest nicht zu erwarten stand, wissenschaftlich bewiesene Fakten aufzustöbern. Allerdings bedeutete das nicht, dass „Vampire“ nicht auch um Aufnahme in der Daimonenwelt bitten konnten. Wenn nur genug Menschen eine Vorstellung hartnäckig bis zwanghaft verfolgten…. Chise hatte diesbezüglich was von einem „elektronischen Spielzeug“, einem Ameisengott und Archetypen gemurmelt. Bei den zwei „Zombies“ vermutete er jedoch Magie, denn bisher behielten die alle Gliedmaßen bei sich. Vor allem der, der in der Bäckerei kassierte, tat auch besser daran, nicht nur aus hygienischen Gründen. Vidale legte ein Sträußchen ab und klopfte mit dem Bleistift auf sein Notizbuch. - trinken Blut - trinken kein Blut mehr - Blutkonserven? - unsterblich, können aber getötet werden (semantisch inkonsequent) - außerirdische „Rasse“ - stammen aus Atlantis - können fliegen (physikalisch unmöglich?) - verwandeln sich in eine Fledermaus/in mehrere Fledermäuse (physikalisch unmöglich) - können kein fließendes Wasser überqueren (moderne Infrastruktur?) - schlafen im Sarg - leben ganz normal - lichtempfindlich - sterben durch Sonnenlicht - körperlich überlegen - können nichts essen? - können normal essen? - mögen keinen Knoblauchgeruch (antibakterielle Wirkung?) - Skorbut? Ernährung nicht plausibel - Hypnose-Fähigkeiten - Gedankenkontrolle - adelig? - kein Spiegelbild (nicht nachvollziehbar) - kein Puls, kein Herzschlag (wie funktioniert der Organismus?) - obsessives Verhalten (Drang zum Zählen? Koffein-Sucht?) - Sex-besessen - Reißzähne im Oberkiefer/im Unterkiefer/Hauttaschen? - Opiate im Speichel? Oder hohle Zähne? - können Mutationen auslösen, um Menschen zu „verwandeln“ Zumindest bei der Optik schien sich eine athletische Figur mit längerem Haar und schwarzer, meist kostspieliger oder extravaganter Kleidung durchzusetzen. „Ich kann mir keinen Reim darauf machen“, murmelte Vidale angestrengt. „Vampire“ als Sujet waren ungebrochen populär, das konnte man nicht bestreiten. Allerdings waren bis jetzt die Zähne die einzige Schnittmenge, und selbst bei denen wusste er nicht, wie man sie so unterbringen sollte, dass sie sich verstecken konnten, keinen Überbiss verursachten, keine Beeinträchtigung beim Sprechen oder fortwährende Selbstverstümmelung. Vidale fragte sich, ob er nicht gut daran täte, sich die Häkelanleitungen für wonnig-pummelige Kuscheltiere anzusehen. Vielleicht würde er so das latente Gefühl des Schwindels vertreiben können. ~*+*~ Jezabel nutzte die Vormittage grundsätzlich, um zu ernten. Deshalb konnte Vidale erst am Nachmittag mit einem Gedankenaustausch rechnen. Er fühlte sich ein wenig fiebrig, unterdrückte jedoch einen Anflug von Sorge. Das letzte Mal, als er Fieber gehabt hatte, war in eine Metamorphose mit knappem Ausgang gemündet. „Ich bin auf gewisse Schwierigkeiten gestoßen“, eröffnete er Jezabel, die ihn überschwänglich für seine Arbeit in Sachen Verkaufsartikel gelobt hatte. Definitiv konnte er sich als „Geschäftspartei“ in ihrem Unternehmen betrachten! Vidale verteilte die Teebecher, präsentierte seine Notizen und eine großformatige Darstellung von Eigenschaften, Zuschreibungen und Schnittmengen. Die erstaunlich gering ausfielen, wenn man es genau nahm. „Von jeder Serie habe ich den ersten und den letzten Band rezensiert. Die drei Klassiker sind inbegriffen, ‚Carmilla‘, ‚Dracula‘ und ‚Der Vampyr‘“, erläuterte Vidale seine Vorgehensweise. Wenn man verwirrt war, musste man systematisch an eine Frage herangehen, nicht wahr? „Die prägnanten Eigenschaften habe ich aufgelistet. Das Spektrum ist erstaunlich breit“, er tippte eine lange Liste an, die diametrale Widersprüche aufbot. „Deshalb habe ich auch eine zeitliche Einordnung und das jeweilige Panoptikum der handelnden Wesen ergänzt“, Vidale feuchtete sich die Kehle mit einem Schluck Tee an. „Da kommen noch andere Figuren dazu, Werwölfe, Ghoule, Mischformen, Dämonenfürsten, gefallene Engel, Alben oder Elfen, Wiedergänger, Gestaltenwandler...“, er seufzte. „Das...ist sehr methodisch“, nickte Jezabel merklich beeindruckt. „Ich gestehe, dass ich nicht verstehe, wie Menschen wissen, dass es um Vampire geht, wenn sie nicht ausdrücklich so benannt werden“, murmelte Vidale beschämt, kam sich ignorant vor. „Hmmm...du hast recht“, stellte Jezabel fest, zog die Nase kraus, „wenn ich es so betrachte...eine gemeinsame Schnittmenge zwischen ALL diesen Figuren gibt es nicht.“ Das bewies auch Vidales großformatiges Kunstwerk. Er riskierte einen bedrückten Blick auf Jezabels konzentrierte Miene. „Möglicherweise könnte man sich nach der Häufigkeit ausrichten“, schlug er behutsam vor, „Zähne und Blut als Aufhänger liegen da weit vorn.“ Das bewies ein Trendbarometer, das er ebenfalls aufgezeichnet hatte. „Natürlich könnte ich diese Wandelbarkeit als Projektionsfläche von Vorstellungen anbieten“, dachte Jezabel halblaut, schlürfte geräuschvoll Tee. „Gibt es bestimmte Kriterien, wann eine...Vorstellung so manifestiert ist, dass sie in die Daimonenwelt aufgenommen werden kann?“, erkundigte sich Vidale. Da mussten doch bestimmt Regularien und Sicherheitsbestimmungen existieren! Ein Protokoll, genau! Jezabel lupfte die schmalen Schultern. „Davon weiß ich nichts, bedaure. Ich meine, man muss nicht mal physikalischen Regeln gehorchen! Sieh mich an! Oh, schlechtes Beispiel, stimmt, ich hab ja vorher nicht SO ausgesehen“, sie zwinkerte Vidale amüsiert zu. „Wie lange müssten Menschen an die Existenz von Vampiren glauben?“, versuchte sich Vidale über die Chronologie an einer anderen Front, „oder müssen es sehr viele Personen sein, die glauben?“ „Das weiß ich auch nicht“, bekannte Jezabel unbekümmert, „ich hatte ja nicht mal eine physische Gestalt! Andererseits gab es Dschinn schon sehr lange in der Vorstellungswelt bestimmter Menschen“, betonte sie mit einigem Stolz. Da konnten Vampire, in welcher Ausprägung auch immer, nicht mithalten! „Was sehen Menschen in Vampiren?“, schlug Vidale einen anderen Ansatz vor, „das könnte eventuell die Mannigfaltigkeit der Eigenschaften erklären. Aus eigener Anschauung kann ich allerdings nicht nachvollziehen, warum häufig dieser Blut-Trink-Aspekt von Wichtigkeit ist. Würde es Daimonen schockieren?“ Jezabel winkte leichthin ab. „Iwo, ich meine, es gibt Insekten, die Blut rausziehen, also ist das nicht unbekannt. Ich habe auch Gerüchte über eingewanderte Sagengestalten gehört, tanzende Naturwesen, die Blut saugen, aber das halte ich für übertrieben.“ „Ach ja? Gerüchte wie über Kronks?“, konnte Vidale nicht widerstehen. „Kronks?!“, Jezabel setzte sich aufrecht, schüttelte wild den Kopf, „die sind kein Gerücht, die sind echt! Ich meine, wenn es sie nicht gäbe, würde man doch nicht überall gewarnt, sich vor ihnen in Acht zu nehmen! Sie sind äußerst gefährlich, das hört man überall!“ Vidale blinzelte, lange Augenblicke sprachlos. Er verzichtete darauf, diese Beweisführung zu kommentieren. „Tja, was nun?“, Jezabel kuschelte sich verdrossen in den überformatigen Yakwolle-Pullover, „ohne Vampir zum Vorzeigen macht das alles nicht viel her. Wenn ich die Handlung von gerade populären Erzählungen vorstelle, wird es nicht gut aussehen, wenn man statt Vampiren auch Menschen einsetzen könnte.“ Sie schwiegen beide, studierten die Literaturliste. Je nachdem, welche Projektionsfläche die Vampire verkörperten, konnte es „Traum-Person/Lieblings-Person“, mental derangierte Person oder Sammelbecken bedrohlich-lebensgefährlicher Eigenschaften sein. Abhängig vom Genre. „Es tut mir leid“, entschuldigte sich Vidale, der eine gewisse Verantwortung für den ausgelöschten Enthusiasmus von Jezabel verspürte. „Nicht doch!“, sie tätschelte seinen Ärmel beruhigend, „das ist eine sehr gute Ausarbeitung! In der Collectio wären sie sicher interessiert. Ich muss einfach einen guten Aufhänger finden, um Daimonen zu begeistern.“ Sie beugte sich vertraulich zu Vidale hinüber. „Weißt du, viele halten Menschen für ein bisschen überspannt. Da benimmt man sich höflich und lenkt nicht die Aufmerksamkeit auf das mentale Defizit. Möglicherweise ist es ja ein ‚Konstruktionsfehler‘, weißt du, dass sie insgesamt ziemlich ‚gaga‘ sind.“ ~*+*~ Vidale fräste durch Nachschlagewerke, um sich mit den Figuren vertraut zu machen, die in den „Vampir“-Geschichten ebenfalls auftraten. Unerfreulicherweise verhielt es sich mit anderen „Gestalten“, die erst in der „Neuzeit“ das Licht gedruckter Werke erblickt hatten, nicht anders als mit „den“ Vampiren. Physikalische Gesetzmäßigkeiten spielten keine übertriebene Rolle, die intrinsische Logik der literarischen „Gesellschaft“ häufig auch nicht. »Möglicherweise erliege ich da einem grundsätzlichen Irrtum«, dachte Vidale, während er sich erschöpft ablederte und hastig in seinen Flanell-Pyjama schlüpfte. Der Geist war schließlich „frei“ wie die Gedanken, hieß es nicht so? Da gab es keine Schranken, keine Verbote, keine unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten. In einer bestimmten „Gedankenwelt“ verfügten „Vampire“ über eine „Platzhaltungsfunktion“, oder? Skizzierte man die „Gedankenwelt“ als Einstieg, „erklärte“ sich das „Wesen“ der Vampire von selbst. Vielleicht würden sie nicht an den Toren „stehen“ und um Einbürgerung bitten, doch die Funktion von „Vampiren“ könnte man als Kultur-Attachee den Daimonen nahebringen. WENN ihnen die jeweilige „Welt“ zusagte. Vidale rieb sich die Schläfen unter den Löckchen, enterte die Hängematte und rollte sich um den Plüsch-Kronk ein. Die Fiebrigkeit wollte nicht nachlassen. ~*+*~ Am frühen Nachmittag setzte Chise eine staubige Sandale auf den ersten Trittstein jenseits des Tors. Es nieselte, der Wind schnitt eisig in die Haut. Er angelte die zusammengefaltete Plane aus dem zerrupften Strauch, wandte sich herum und tauchte Vidale in violettes Strahlen seiner Mandelaugen. Der eilte in den grauen Puschen ohne Parka hopsend über die Steine, schlang ihm die dünnen Arme um den Nacken und hielt sich fest. Rasch wickelte Chise die Plane um sie beide, umarmte Vidale ebenso stürmisch. „Ich bin wieder da“, schnurrte er sonor, „du hast mir sehr gefehlt.“ Vidale lehnte die Stirn an Chises, blinzelte. „Ich habe dich auch vermisst, Chise. Ist alles gut gegangen? Oh, lass uns rasch hinein gehen, du frierst ja!“ Das Urteil sollte auch Vidale einschließen, befand Chise, der sich entschieden bemühte, nicht die fahlen Schatten in dessen Gesicht zu registrieren. Oder die merklich erhöhte Temperatur seines gestrandeten Gefährten. „Hast du Hunger? Ich habe einen Brotlaib fürs Wäschewaschen bekommen, ganz frisch!“, Vidale nahm Chises Hand, führte ihn zur Pforte. Im Foyer und der Loge duftete es nach den Blumen und Kräutern, wie Chise registrierte, als er die Plane abschüttelte. „Nanu?“, er zog seine prall gefüllte Tasche über den Kopf und schlüpfte aus den Sandalen, „das riecht aber nicht nach Brot?“ „Es sind die Potpourris, Sträuße und Duftsäckchen“, Vidale kehrte mit einem feuchten Tuch und einen Sweatshirt zurück, reichte beides an Chise weiter. „Jezabel hat mich zur Geschäftspartei berufen. In dem Korb hier sammle ich die fertigen Duftwaren“, gestikulierte Vidale. Ein wenig fahrig, wie Chise bemerkte, der sich den Staub feucht abwischte und das ihm unbekannte Sweatshirt über sein Hemd streifte. „Ah, die Kontrebandeure bringen mir Menschen-Kleidung mit, die sie finden. Wenn sie geeignet ist, reinige ich sie und lege sie hier aus“, Vidale präsentierte ungewohnt gestenreich eine Eigenkonstruktion aus leicht beschädigten Kleiderbügeln, die an einem Seil übereinander angeordnet waren. „Das ist...verblüffend“, kommentierte Chise, studierte den Aufdruck auf dem Sweatshirt. „Feed me, I‘m a Black Hole?“, las er ab, im Zweifel, ob die Orthographie stimmte. Vom Grad des Humors ganz zu schweigen. „Hier ist ja eine Menge passiert, während ich weg war“, stellte er fest, marschierte zu Vidale, der in der Teeküche Wasser aufsetzte und den Brotlaib ansäbelte. Er stellte seine Tasche dort ab, erleichterte sie um seine Entlohnung für den Einsatz. „Oohhh!“, jubelte Vidale aufmerksam. Daimonische Nahrungsmittel, in große Blätter eingeschlagen oder in Tongefäßen abgefüllt, ein wertvoller Besitz! „Hier, für dich“, damit überreichte Chise eine Häkelnadel und ein Stricknadelpaar aus verholztem Gras, fein poliert und lackiert, „die habe ich auf einem Markt eingetauscht. Das sei für den Anfang und warme Kleidungsstücke die richtige Größe.“ Vidales große, dunkle Augen glänzten, als er das Ensemble entgegennahm. „Oh, wie wunderbar! Ich möchte das so gern versuchen! Dazu habe ich mehrere Bücher gelesen“, versicherte er Chise, „vielen Dank, dass du daran gedacht hast!“ „Natürlich habe ich an dich gedacht“, lächelte Chise, küsste Vidale erst auf die Stirn, dann die Lippen. »Definitiv erhöhte Temperatur«, konstatierte er, verdrängte die Sorge eilig, um Vidale nicht aufzuscheuchen. Er rührte ein daimonisches Äquivalent zu Kakao an, noch ein Mitbringsel, verteilte es auf zwei Becher. Dazu gab es knuspriges Brot in dicken Scheiben mit Saaten und Körnern. Chise rückte sich nur einen Hocker an die Empfangstheke, beäugte den Monitor, die leere Schütte mit Arbeitsmaterial, bevor er Vidale selbstherrlich auf seinen Schoß zog. Der nippte an seinem Becher und mümmelte brav seinen Anteil am Brot, lehnte sich in Chises halbe Umarmung. „Was sind das für Notizen und Zeichnungen?“, erkundigte sich Chise, der auf dem Bildschirm unzweifelhaft ungewöhnliche Lektüre entzifferte. „Jezabel hat mir erzählt, dass sie auch gern liest. Und ein Kultur-Attachee für Populär-Kultur der Menschen ist. Wir haben zu Vampiren recherchiert“, erklärte Vidale, ein klägliches Lächeln auf den Lippen. „Vampire? Schon wieder?“, seufzte Chise, der regelmäßig bei seinen Streifzügen durch die Menschenwelt Reklame für Filme und Lesungen registrierte. »Unerträglich untot«, konstatierte er innerlich. „Das hat sich als etwas schwieriges Thema erwiesen“, gestand Vidale ihm, leckte sich dezent einen „Schnurrbart“ von der Oberlippe. „Ich wage mich tollkühn aus dem Fenster: du hast sehr viel gelesen, in kürzester Zeit und querbeet zum Schlagwort, hmm?“, Chise schob Becher und Teller von sich, um Vidale enger in seine Umarmung zu ziehen. „Ich dachte, ich könnte meine Ignoranz überwinden“, bekannte Vidale, ließ sich auf eine Schläfe küssen, „doch leider entgehen mir wohl die Regeln für dieses Genre.“ Er seufzte, rieb sich die Augen. „Weißt du, ich möchte auch gern die menschliche Kultur verstehen“, wisperte er an Chises Halsbeuge angekuschelt, „das ist zweifellos ein Abenteuer. Nur im Moment fühle ich mich ein wenig überfordert.“ Chise strengte sich an, nicht grimmig einen violetten Bannstrahl in die Loge zu lasern. „Ich hoffe, du hast nicht von diesem Zeug geträumt“, wagte er sich tollkühn an die Ursachenforschung für Vidales beklagenswert matten Zustand. Der richtete sich ein wenig auf, drehte den Kopf leicht, um in die violetten Augen zu blicken. „Ich bin nahezu sicher, dass ich nicht träume“, offenbarte er Chise, die Stirn leicht gekräuselt, „ich habe nichts erlebt, was zu den Beschreibungen passt.“ Verblüfft öffnete Chise den Mund, versagte sich jedoch einen Kommentar. „Ich erzähle dir ein bisschen von meiner Reise, ja?“, wechselte er entschieden auf ein anderes Thema. „Ja, bitte“, lächelte Vidale, schmiegte sich an ihn, „du hast bestimmt viel erlebt! Du duftest außerdem noch ein wenig nach Sonnenschein. Das ist schön.“ Unwillkürlich umarmte Chise Vidale ein wenig fester, als er mit volltönender Stimme schilderte, was ihm in den vergangenen Tagen widerfahren war. ~*+*~ Chise sprach die zwei Kontrebandeure leise an, damit sie die Hängematte justierten. Mühelos konnte er Vidale hineinheben, ihm den Plüsch-Kronk zur Gesellschaft geben. Vidale schlief tief und fest, warm verpackt und den aufgeladenen Sonnenstein in unmittelbarer Nähe. Man unterhielt sich leise im Foyer, tauschte Neuigkeiten aus. Bewaffnet mit der Plane, dem gefüllten Korb mit den Duftwaren und dem eiligen Studium von Vidales „Hausarbeit“ zur Vampir-Recherche wechselte er am Tor auf die andere Seite. Mit Jezabel war DRINGEND ein Plausch angezeigt! ~*+*~ „Oh nein, habe ich so lange geschlafen?“, Vidale kletterte hastig aus der Hängematte. Chise lächelte unbarmherzig, „du hattest dringend eine Auszeit nötig.“ Damit kontrollierte er per Handauflage die Temperatur von Vidales Stirn unter den schwarzen Löckchen. „Was meinst du, wollen wir kurz an die frische Luft gehen? Es regnet zwar, aber ein bisschen Bewegung außerhalb der vier Wände hier tut gut“, behauptete er. Vidale nickte rasch, schlang ihm dann unerwartet die Arme um den Nacken und hielt ihn fest. „Ich bin sehr froh, dass du wieder da bist, Chise“, wisperte er in ein spitzes Ohr zwischen den rostbraunen Dreadlocks, „meine Gedanken waren einsam.“ Eine seltsame Aussage. Wenn man nicht wusste, dass Vidale fähig war, über Gedanken zu kommunizieren. Das klappte in dieser Welt zwar nur mit den Wilden Daimonen-Hummeln, doch wenigstens Chises Gedanken konnte er „spüren“. Der knurrte unterdrückt, küsste Vidale ausgiebig auf die Lippen. „Verpuppen wir uns ordentlich gegen das Schietwetter“, gab er die Marschrichtung vor, „ich habe noch was zu beichten.“ ~*+*~ Mit einem großen Schirm, Chises Arm um Vidales Taille in dem ungeliebten Parka, stapften sie durch die nass-kalte Dunkelheit des Abends. Einige Wilde Daimonen-Hummeln besuchten Vidale kurz, tummelten sich in dem Anhänger, bevor sie wieder auf ihren eigenen Kurs gingen. „Ich gestehe es gleich: ich habe mich mit Jezabel über diese Vampir-Lektüre unterhalten“, kam Chise zur Sache. „Oh“, murmelte Vidale, kaum kenntlich unter Wollmütze und -schal. Nur die Sonnenbrille fehlte. „Mir gefallen die Nebenwirkungen nicht“, grummelte Chise, „ich war ziemlich erschrocken, als ich dich so blass und fiebrig angetroffen habe.“ Neben ihm schrumpfte Vidales magere Gestalt noch mehr in dem Parka zusammen. „Ich wusste nicht, dass du nicht träumst. Bei Menschen und vielen Daimonen werden in Träumen die Ereignisse des Tages verarbeitet. Träume dienen vermutlich zu einem großen Teil der mentalen Hygiene“, führte Chise ernst aus. „Was ich mit Jezabel diskutiert habe, ist Folgendes: WIR sind mit der Menschenwelt aus Erfahrung vertraut. Durch diese Erfahrung können wir auch zwischen realem Geschehen und fiktiven Vorstellungen unterscheiden. WIR agieren in Welten, in denen es kein allumfassendes ‚Sicherheitssystem‘ gibt.“ Er blieb stehen, wandte sich Vidale zu, beleuchtete ihn mit seinen violetten Augen unter dem großen Regenschirm. „Das entspricht nicht deiner Welt, nicht wahr? Verletzungen, Verrat, Intrigen, Mord, Sex, Krieg, Drogen, Hass...das gibt es nicht, oder?“ Vidale blinzelte kurz. Chise zupfte dessen Wollschal herunter, küsste ihn zärtlich. „Du hast mir gesagt, dass du dich nicht mal bei Jane Austens Werken mit den Personen identifiziert hast. Trotzdem haben dich ihre Werke fasziniert und begeistert. Es bleibt also von einer Lektüre immer eine Spur in den Gedanken und Gefühlen“, raunte Chise. Vidale lächelte kläglich. „Ich hatte vorher nicht solche Texte gelesen. Prosa, mit Gefühlen, Eindrücken und Empfindungen. Ich kannte Vorschriften und Anleitungen, Lernstoff und Prüfungen“, murmelte er leise. Chise tupfte ihm leichte Küsse auf das Gesicht, Wärmepunkte gegen die nasse Kälte. „Ich habe Jezabel gefragt, ob sie Artemis die Vampir-Lektüre gestattet hätte“, bekannte er mit diabolischem Amüsement. „Oje“, wisperte Vidale beklommen. Das Erfinder-Einhorn würde sicherlich KEINE einzige Geschichte gemocht haben. Und was Detorix davon hielt, wenn man das empfindsame Erfinder-Einhorn in Trübsinn versetzte, wollte er sich lieber nicht ausmalen! „Genau“, bestätigte Chise grimmig, der nicht Gedanken lesen musste, um Vidales Reaktion zu dechiffrieren, „darin stimmte Jezabel mit mir überein.“ Er rieb seine Nasenspitze an Vidales. „Ich stehe zu meiner Auffassung, dass du lesen darfst, was und wie viel du willst, Vidale. Ich möchte, dass du mit mir oder anderen darüber sprichst. Damit wir gemeinsam einordnen können, wie diese Geschichten aufzufassen sind. Was davon real sein könnte, was absolut nicht passieren kann und warum Menschen so etwas verfassen oder lesen.“ Vidale schwieg einen Moment, nickte dann entschieden. „Das werde ich ab sofort tun, versprochen.“ Er rückte noch näher an Chise heran. „Mir war gestern nämlich durchaus beklommen, weil ich mich nicht auf der Höhe fühlte“, bekannte er kleinlaut. Chises Augen loderten violettes Feuer und erleuchteten die Umgebung blendend. Seine zornigen Gedanken musste er nicht aussprechen, weil sie auch mit Angst und Gram durchsetzt waren. Nein, er wollte Vidale nicht in Gefahr wissen ob lächerlicher Menschen-Lektüre! ~*+*~ Vidale blickte auf, als die Daimonen-Käfer Besuch ankündigten. Jezabel, wie immer im Yakwoll-Pullover, spähte zur Loge hinein. „Ich komme in Frieden“, erklärte sie, teilte die Finger zwischen Mittel- und Ringfinger in ein V. Verblüfft erhob Vidale sich. „Das ist sehr nett von dir“, antwortete er unschlüssig. Kläglich grinsend stapfte Jezabel heran, reagierte auf Vidales Einladung, sich auf einen Stapelhocker zu platzieren. „Das ist aus Star Trek. Menschen-Serie. Nicht so wichtig“, erläuterte sie ungewohnt zurückhaltend, studierte Vidale besorgt. „Möchtest du gern einen Tee? Und einen großen Keks dazu?“, lud Vidale ein, eilte in die Teeküche, um die Köstlichkeiten zu beschaffen. Jezabel folgte ihm, taufte Teeblätter. „Chise hat mir ordentlich den Marsch geblasen“, äußerte sie mit einer Grimasse, „hör mal, Vidale, es tut mir leid, dass ich nicht bemerkt habe, wie verstörend einige Geschichten sind.“ Vidale legte die großformatigen Kekse auf je einen Teller. „Du trägst keine Schuld daran“, versicherte er entschieden, „ich habe selbst nicht bemerkt, welche Wirkung menschliche Erzählungen auch haben können. Werde ich nun nicht im Lese-Club aufgenommen?“ Hastig schüttelte Jezabel den Kopf, bereits am Keks mümmelnd. „Türlich bis‘ du n‘ch d‘bei!“, betonte sie, schluckte eilig, „wir werden eben gleich über die Inhalte sprechen! Möglicherweise sollten wir auch nicht zu viel auf einmal lesen“, ergänzte sie kritisch. Vidale nickte langsam, führte ihre kurze Parade zurück in die Loge, zu den Stapelhockern. „Außerdem sollte ich die Vampir-Sache vielleicht vertagen. Im Moment sind ja eher Valentinstag und Fasching/Fastnacht/Karneval angesagt“, Jezabel nippte prüfend an ihrem Tee. Langsam klappte Vidale seinen Skizzenblock zu. „Deine Erkenntnisse sind natürlich wichtig!“, fing Jezabel blitzgescheit den Impuls auf, „deine Mühe war nicht umsonst, ganz sicher nicht! Allerdings sollte ich für einen Vortrag als Kultur-Attachee noch ein wenig länger über den Ansatz nachdenken. Sonst kommt es noch so wie mit den Katzenbildern.“ Sie schnaubte grimmig. Fragend warf Vidale Jezabel einen Blick zu. „Katzenbilder?“, wiederholte er ratlos. „Bilder von Katzen“, Jezabel seufzte, „präziser von Menschen bearbeitete Fotos von Hauskatzen. Eigentlich sollen sie für Ablenkung sorgen, für positive Stimmung, eine humorvolle Unterbrechung im anstrengenden Alltag.“ Jezabel pickte Krümel vom Teller, ungewohnt kleinlaut. „ICH dachte, es wäre eine amüsante Sache, diese Menschen-Marotte vorzustellen. Dummerweise kam das gar nicht so an. Mehrfach fiel der Begriff ‚diabolisch‘. Beim Publikum hat mein Essay nicht gerade für Begeisterung über menschliches Agieren gesorgt. Eher für Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit.“ Sie seufzte profund. „Oje“, murmelte Vidale mitfühlend, gab einen Teil seines großen Kekses an Jezabel weiter, um sie zu trösten. „Danke!“, sie lächelte ihm zu, „du siehst, ich brauche dringend unterschiedliche Perspektiven, um nicht noch mal Schiffbruch zu erleiden.“ „Wenn ich dir helfen kann, tue ich es sehr gern“, versicherte Vidale. Unterdessen spähte Jezabel auf den Monitor. „Was liest du da?“, sie zog die Nase kraus. Vidale lächelte aufgeräumt. „Chise war so nett und hat mir Häkel- und Stricknadeln mitgebracht! Es war seine Idee, dass ich mir Anleitungen ansehe. Das ist sehr belebend“, dezent dunklere Tönung verschönerte den mittelblauen Teint auf seinen Wangen. Seine großen, dunklen Augen funkelten agitiert. „Ach“, bemerkte Jezabel staunend. »Verflixt gerissen, dieser Chise!«, stellte sie anerkennend fest. ~*+*~ Chise trug Sorge dafür, dass er mit Vidale frühstückte und jeden Abend wenigstens intensive Kuschelsessions eingelegt wurden. Die Krönung waren Ausflüge zum Spielplatz mit den Schaukeln, wenn das Wetter sich gnädig zeigte. Außerdem besprach er mit Vidale eingehend dessen fiktionale Lektüre, lauschte auf Emotionen und Verwirrungen zur menschlichen Welt. Er wollte kein weiteres Mal riskieren, dass Vidale erkrankte, weil die Unterschiede zwischen seiner Welt und dem menschlichen Pandämonium zu groß waren. Auch Jezabel hielt sich an die ungewöhnlich strenge Ansage. Sie mochte Vidale und erkannte, dass dessen analytische Methode eine hervorragende Ergänzung zu ihrem Enthusiasmus darstellte. Außerdem, das sollte sie eigentlich von den Daimonen-Kindern gelernt haben, zahlte es sich aus, davon auszugehen, dass alle unterschiedlich waren! Deshalb gehörte es schlichtweg dazu, zu fragen, eine gemeinsame Basis zu finden, nicht davon auszugehen, dass alle die Welt gleich sahen! Angesichts des Debakels mit den Katzenbildern wollte sie interessiertes Publikum nicht erneut verschrecken. Deshalb konzentrierte sie sich lieber auf Karneval/Fasching/Fastnacht. Das ereignete sich zwar jedes Jahr, doch man konnte sich ja auf die unterschiedliche Beliebtheit von Kostümen und Figuren kaprizieren, oder? In der Collectio hatte sie bereits recherchiert und aktuelle Umfrageergebnisse bei Kostümverleihen und den Spezialfirmen notiert. „Also kann ich zu diesem Anlass ohne Verkleidung hinausgehen?“, erkundigte sich Vidale überrascht, „vielleicht als Schlumpf?“ So ganz nachvollziehen konnte er die Ausgangslage nicht. Jezabel beäugte Vidale kritisch. „Also, wenn ich das richtig verstehe, sind Schlümpfe gezeichnet. Sie tragen bloß weiße Hosen und so komische weiße Mützen. Außerdem haben sie ziemliche Knollennasen“, bemerkte sie. Vidale zog die feinen Augenbrauen zusammen. „Na ja, eine blaue Hautfarbe haben auch diese Wesen in den Avatar-Filmen“, Jezabel tippte sich mit einem Bleistift gegen das runde Kinn, „allerdings haben die sonst nicht sehr viel an. Ich weiß nicht...“ Ihr Miene verriet Vidale unmissverständlich, dass beide Optionen bei ihr keine große Unterstützung fanden. „Du könntest natürlich als eine Figur aus einem Computerspiel, Anime oder Manga auftreten“, nachdenklich zog sie Nase kraus, „das geht, wenn es Cosplay ist und bei Conventions geschieht.“ Vidale blinzelte verwirrt. „Also, das ist so: wenn es ein Fan-Treffen gibt, wie bei deinen Jane-Iten zum Beispiel, dann kann man sich verkleiden. Das ist ein legitimer Anlass“, Jezabel schob Vidale das Schälchen mit Nüssen zu. „Allerdings muss man immer erkennbar sein, weißt du? Einfach so rund um die Uhr auffallen, das gilt bestenfalls als exzentrisch. Schlimmstenfalls...“ Sie mümmelte auch ein Nüsschen. „Morlocks“, wisperte Vidale in plötzlicher Erkenntnis. Jetzt war es an Jezabel, verwirrt zu blicken. „Wegelagerer, nahm ich zumindest an“, erklärte Vidale leise, „sie haben Chise und mir aufgelauert. Ich dachte, dass sie uns berauben wollten. Doch wenn ich es richtig betrachte...“ Er zupfte an einem Löckchen, wie er es üblicherweise bei Chise an dessen Dreadlock tat. Bei Jezabel setzte Erkenntnis ein. „Chise war wohl in vollem Ornat unterwegs, hm?“, nickte sie wissend, „tja, das ist ziemlich häufig der Grund, warum er den bösen Jungs was hinter die Ohren geben muss.“ Vidale warf ihr einen verständnislosen Blick zu. „Warum tun sie das? Ich finde, dass Chise sehr adrett und attraktiv aussieht“, stellte er entschieden fest. Neben ihm grimassierte Jezabel. „Ja, er fällt auf. Er geht seinen eigenen Weg. Und das gefällt manchen Menschen nicht. Ein gesuchter Anlass, ihn verprügeln und demütigen zu wollen, damit man sich selbst bedeutender, mächtiger fühlt“, gab sie knapp zurück. »Großer M, das sind Gespräche, die man auch mit Artemis nicht führen will!«, dachte sie dabei unwillkürlich. Zugegeben, Vidale schien nicht so ein optimistischer „Fan“ von Menschen an sich zu sein wie das Erfinder-Einhorn, trotzdem gefiel ihr der verstörte Blick gar nicht. „Ich glaube, ich verstehe die Erklärung“, murmelte Vidale schließlich, zog die dünnen Beine unter den überformatigen Weihnachtspullover aus Yakwolle. Tröstend rückte Jezabel näher, legte ihm einen Arm um die mageren Schultern. „Es gibt auch nette Menschen. Menschen, die genauso gut daimonisch sein könnten. Nur manche sind verkorkst“, bemühte sie sich um eine Aufhellung der Stimmung. Vidale nickte gehorsam, drückte das Rückgrat durch. „Du hast mir erzählt, dass Daimonen diese Ereignisse nutzen, um sich getarnt unter die Menschen zu mischen“, fädelte er einen erfreulicheren Faden auf, „wenn wir geeignete Figuren finden, könnten wir bestimmt einen Vortrag konzipieren, der auf Interesse stößt!“ ~*+*~ Chise nahm Vidale an der Hand, als sie den Spielplatz verließen. Eine ausgedehnte Schaukelstunde spät am Abend half gewöhnlich, die Sorgen zu vertreiben. Allzu viele Anleitungen und Regelwerke wollte er Vidale zur seelischen Hygiene nicht zumuten! „Ich werde das verstehen“, Vidale wandte den Kopf, zwinkerte ihm zu, bis zur Nasenspitze in Wollwaren eingewickelt, um nicht aufzufallen, „vielleicht ein wenig langsamer als andere, aber ich werde meine Ignoranz überwinden.“ Mit einem innerlichen Knurren verabschiedete sich Chise von der Vorstellung, er könne seine Besorgnis und einen nicht ganz kurierten Zorn auf die wenig schmeichelhaften Eigenschaften der menschlichen Gesellschaft vor Vidale verbergen. „Ich weiß, dass du das schaffst“, versicherte er laut, drückte behutsam die schmale Hand in der Tasche seines Staubmantels, „besser wäre nur, dass es nicht nötig ist.“ „Jezabel findet, ich sei nicht geeignet als Schlumpf oder so ein Wesen aus diesen Avatar-Filmen, die ich nicht kenne“, wechselte Vidale das Thema, „gibt es denn andere Figuren mit blauer Haut?“ „Du bist absolut perfekt so, wie du gerade bist“, grummelte Chise, loderte violette Bannstrahlen auf den Gehweg. Natürlich würden sie sich weiter verbergen müssen in der Menschenwelt, doch davon sollte man sich nicht das Selbstgefühl ruinieren lassen! Abrupt blieb er stehen, wirbelte zu Vidale herum. „Ich rede mit Detorix. Wenn es einen Umzug gibt, eine dieser Paraden, dann gehen wir da hin! So wie wir sind! Du kannst unter Menschen sein, ohne dich verstellen zu müssen!“, feuerte er energisch heraus, drückte auch Vidales andere Hand versichernd. „Ich möchte niemanden in Schwierigkeiten bringen“, wandte Vidale leise ein. Wenn Morlocks oder andere unerfreuliche Zeitgenossen sie behelligten, würde Chise sich zur Wehr setzen. Wieder Arrest bekommen. Und die Wilden Daimonen-Hummeln würden möglicherweise gefährdet! „Wir halten uns von Idioten eben fern“, konterte Chise entschlossen, leuchtete Vidale violett aus, die rostbraunen Dreadlocks elektrisiert knisternd, „ein Leben in Furcht ist kein Leben!“ ~*+*~ „Wow“, kommentierte Jezabel am nächsten Nachmittag Vidales Bericht von Chises Plan, „wenn der mal in Rage ist…!“ Vidale fächerte Zeichnungen der populärsten Kostüme und Verkleidungen auf, warf Jezabel einen besorgten Blick zu. „Ich möchte nicht, dass es Ärger gibt“, setzte er an. „Wahrscheinlich geht ihr in der Menge einfach unter“, wischte Jezabel seinen Einwurf weg, „schau mal, das Wetter wird wahrscheinlich so kalt wie jetzt sein. Also ist man warm eingepackt. Wenn man dann ein bisschen dekoriert ist, zählt das eher als Engagement, nicht als Anlass für Misstrauen“, argumentierte sie munter. „Außerdem ist Detorix zwar ein ziemlicher Brummbär, doch ich wette, dass er mit dem Erfinder-Einhorn hingehen würde, wenn sie dessen vorstehende Eigenschaft ausreichend tarnen können“, grinste sie. Vidale lächelte vorsichtig. In diesem Moment hörte er ein lauteres Brummgeräusch. Gleichzeitig fluteten aufgeregte Botschaften seine Gedanken. Vor Überraschung sprang er vom Stapelhocker hoch. „Oh!“, rief er agitiert, eilte zur Doppeltür an der Pforte. Jezabel folgte ihm nach einigen Sekunden der Verblüffung. Vidale stand vor der Pforte, von Wilden Daimonen-Hummeln angeflogen, die auf dem Weihnachtspullover landeten. „Was ist denn los?“, erkundigte sich Jezabel neugierig. Vidale stutzte. „Sie haben etwas gefunden. Ich soll mich beeilen“, dolmetschte er den Austausch der Gedanken. ~*+*~ Chise und Detorix waren unmissverständlich in ihrem Gebot gewesen: niemand, der für Menschen sichtbar war, ging ALLEIN in die Menschenwelt. Besonders nicht jetzt, wo sich einige widerwärtige Zeitgenossen darin bestärkt sahen, auf Personen loszugehen, deren Optik ihnen missfiel. Rasch warm eingepackt folgten Jezabel und Vidale den Wilden Daimonen-Hummeln, die eine Art Staffel bildeten. „Haben sie eine dieser Pflanzen gefunden, nach denen Lacrimosa gefragt hat?“, raunte Jezabel Vidale zu. Es war noch hell, wenn auch frostig kalt. Sie bewegten sich inmitten des ehemaligen Industriegebiets, wo sich nun eher Büros und sogar Wohnhäuser befanden. Somit gab es auch Fußverkehr. „Es ist etwas verwirrend“, gestand Vidale leise ein. Wieso sollte sich eine Pflanze bewegen? Transportierte sie jemand? Die Botschaft signalisierte zumindest, dass er sich beeilen müsse, um die Spur nicht zu verlieren. Als sie um eine Hausecke bogen, blieb Jezabel abrupt stehen, sodass Vidale gegen sie prallte. Hastig schubste sie ihn zurück. Die Wilden Daimonen-Hummeln HATTEN etwas aus Vidales Zeichenblock wiedererkannt. „Ein Vampir!“ ~*+*~ Zweifelnd spähte Vidale um die Hausecke. „Ich meine mich zu erinnern, dass wir uns auf die Nicht-Existenz von Vampiren geeinigt haben“, bemerkte er leise. Jezabel rieb sich die kleinen Hände. „Nur bis zum Beweis des Gegenteils! Außerdem haben deine Wilden Daimonen-Hummeln ja wohl was aufgespürt, oder? Die fliegen doch nicht jedem hinterher, der schwarze Kleidung trägt.“ Sie pirschte sich heran, entschlossen, die Verfolgung des ca. 1,90m großen Objekts aufzunehmen. Vidale zögerte. Die wissenschaftliche Methode, evidenzbasiert Fakten zu ermitteln, verlangte, dass er herausfand, ob es Vampire tatsächlich gab. Zumindest Wesen, auf die ein größerer Teil der widersprüchlichen Eigenschaften zutraf. Andererseits war Chise SEHR überzeugt davon, es handle sich um Erfindungen. Die konnten ergo nicht als Menschen herumlaufen. Sein Verantwortungsbewusstsein drängte ihn, Jezabel nicht allein zu lassen. Außerdem registrierte er einen Anflug von Neugierde, gepaart mit sehr viel Abenteuerlust. „Wie können wir überprüfen, ob das ein Vampir ist?“, erkundigte er sich, schlappte in den ungeliebten Sneakern eilig hinter Jezabel her. „Spitze Zähne!“, sie flüsterte, „oh, aber die sind ja normalerweise versteckt. Vielleicht müssen wir appetitlich wirken?“ Vidales große, dunkle Augen weiteten sich bei der bloßen Vorstellung. Sich als Vampir-Snack anbieten?! „Verflixt, der ist schnell!“, Jezabel schnappte Vidales Parka-Ärmel, beschleunigte das Tempo. Von hinten wirkte der mutmaßliche Vampir nicht sonderlich ungewöhnlich. Schwarzer Wollmantel, gerade geschnitten bis zu den Knien, darunter eine schwarze Stoffhose mit Bügelfalte, schwarze, halbhohe Schnürstiefel. Oben gab es die Andeutung eines schwarzen Webschals zu bewundern, über den im Nacken zusammengefasste, schulterlange Haare lagen. Ebenfalls schwarz, glatt und schwer. Die Ahnung sehr bleicher Hände blitzte auf, wenn sich der Fremde bewegte, geschmeidig und selbstsicher. Warum hatten die Wilden Daimonen-Hummeln ihn aufgestöbert? Vidale bemühte sich, alle Skizzen, die er während der umfangreichen Lektüre entworfen hatte, im Geiste durchzugehen. Würde ein Vampir tatsächlich mit gebleckten Zähnen herumlaufen? Bei dem Wetter holte er sich ja Gefrierbrand auf den Lippen! Andererseits hieß es, Vampire heilten schnell...und wenn ein Vampir schon am Tag herumlief, musste der ein ziemliches Kaliber sein, oder?! Verwirrt mühte er sich, nicht an Jezabels energischem Griff ins Stolpern zu geraten. „Verflixt!“, verwünschte Jezabel da gerade das dichtere Getümmel vor einer Ladenzeile. Bei einem Discounter herrschte Gewimmel, ein Kommen und Gehen. Man hätte auf die Straße treten müssen, um schneller voranzukommen, doch der motorisierte Verkehr mahnte vor suizidalen Versuchen diesbezüglich. „Oh nein!“, schimpfte Jezabel, blickte sich prüfend um. Vidale rückte heran, besorgt, sie könnten ungebetene Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Weit kann er nicht sein!“, entschied Jezabel entschlossen, stampfte weiter zur nächsten Straßenecke, Vidale im Schlepptau. Auf halbe Strecke wurde er plötzlich so heftig am Oberarm umklammert, dass er einen Schmerzlaut ausstieß. Nicht zu vergessen die halbe Kehre, die ihn in eine Hofeinfahrt beförderte! „Was soll das werden?! Stalking?“ Der vermeintliche Vampir stieß Atemwolken aus, zischte mit sonorer Stimme. Seine Haut war tatsächlich ungewöhnlich bleich. Das konnte allerdings auch an der gewaltigen, völlig geschlossenen Brille liegen, die wie ein schwarzer Riegel seinen halben Schädel einrahmte. „He! Lass Vidale los!“, forderte Jezabel kühn. „Warum verfolgt ihr mich?!“, konterte der potentielle Vampir unbeeindruckt, packte Vidale noch ein wenig fester, der nach Luft schnappte, um nicht zu winseln. „Weil wir wissen wollten, ob du ein Vampir bist, du Grobian!“, fauchte Jezabel, ballte die Fäuste. Wenn ein Vampir kein Mensch war, galt doch die Regel, man dürfe Menschen nicht angreifen, nicht, oder?! „Aha. Was genau wolltet ihr zwei tun, wenn ich ein Vampir bin?“, erkundigte sich der Vampir-Verdächtige spöttisch, dirigierte Vidale zwischen sich und Jezabel. „Bist du ein Vampir?! Sonst geht es dich ja wohl nichts an!“, fauchte Jezabel, kramte eilig unter ihrem Yakwolle-Pullover. „Wolltet ihr mich pfählen? Reizend, Stalking, Bedrohung, Körperverletzung, da wird mir ja was geboten“, ätzte ihr Gegenüber. Vidale entschied, dass sie schon tief genug in der Klemme steckten. Seine Wilden Daimonen-Hummeln schwärmten heran. Sie sollten den Aggressor lediglich ablenken. Da Jezabel aber den Friedensstifter gleichzeitig schwang, um den sehr viel größeren Mann zu treffen, gab es ein völliges Kuddelmuddel. Außerordentlich geschickt wehrte der vermeintliche Vampir den geschwungenen Beutel mit einem Unterarm ab, die Wilden Daimonen-Hummeln mühten sich, dem Gedächtnisverlust-Staub auszuweichen, Vidale zerrte seinen schmerzenden Oberarm frei, wurde dafür am Schal gepackt. Sodass er einen Augenblick später dekuvriert gegen eine Häuserwand prallte, Jezabel erschreckt aufschrie und der vermeintliche Vampir fluchte. ~*+*~ Die Wilden Daimonen-Hummeln deckten ihre halsbrecherische Flucht. Leider verloren sie auch die Orientierung, sodass Jezabel ein immergrünes Gebüsch ansteuerte, Vidale dahinter zerrte. „Bist du schlimm verletzt?“, erkundigte sie sich keuchend. Vidale, sehr fahl trotz des mittelblauen Teints, schüttelte den Kopf. „Oh, was für ein Schlamassel!“, beklagte Jezabel sich ärgerlich. „So schlimm?“, erkundigte sich eine freundliche Stimme aus dem Nichts. Vidale zuckte heftig zusammen, während Jezabel erleichtert auflachte. „Augenblick“, verkündete die Stimme, während Vidale schon glaubte, seine Nerven versagten ihm den Dienst. Vor ihm, offenkundig für Jezabel deutlich sichtbar, materialisierte sich ein Kapuzenmantel. „Ach herrje“, erkannte Jezabel nun Vidales Not, „keine Angst, das ist ein Phantom! Gehörst du zum Sicherheitsdienst?“, adressierte sie den scheinbar bewohnten Kapuzenmantel. „Ganz richtig“, bestätigte die muntere Stimme, „kann ich euch helfen?“ „JA!“, antwortete Jezabel sofort, lupfte an der freien Hand einen recht ausgedörrten Friedensstifter, „wir haben einen Vampir verfolgt, der Vidale angegriffen hat. Ich habe ihm eins übergezogen, so richtig mit Staubwolke, aber er hat nichts vergessen!“ Anklagend ließ sie den Beutel baumeln. „Er hat mich gesehen“, wisperte Vidale elend, „ich weiß nicht, wie ich mich so verdächtig machen konnte. Es ist meine Schuld.“ „Nein, nein, ICH dachte ja, wir könnten mit der wissenschaftlichen Methode herausfinden, ob es Vampire gibt“, konterte Jezabel sofort fürsorglich, „und er hat dir weh getan, ganz ohne Grund!“ „Du bist verletzt?“, das Phantom sprach Vidale an, nachdem sich offenkundig unter dem Kapuzenmantel eine Hand materialisiert hatte, um den schlaffen Beutel zu inspizieren. „Nicht schlimm. Er hat meinen Oberarm sehr fest gepackt“, relativierte Vidale eilig. Ärger kam ihn der Schreck über die Entlarvung und seine Ignoranz an. „Was tun wir jetzt?! Er erinnert sich an uns“, lenkte Jezabel die Aufmerksamkeit auf die wenig erfreulichen Erkenntnisse aus den wütenden Äußerungen vor ihrem beschleunigten Abgang dank Schwarm-Unterstützung. „Ich schlage vor, ihr geht nach Hause. Um diesen Vampir kümmere ich mich“, gab das Phantom beruhigend zurück. „Vidale kann nicht durch ein Tor gehen“, warf Jezabel ein. Das Phantom lachte leise, aber freundlich. „Ich meinte damit auch, dass ihr gemeinsam zur Pforte geht. Auf direktem Weg. Ruht euch aus und macht euch keine Sorgen.“ „Bist du sicher? Dieser Kerl war sehr verdächtig!“, Jezabel drückte behutsam Vidales eiskalte Hand. „Ganz sicher. Jetzt geht, ihr beiden. Chise wird sich sehr sorgen, wenn er niemanden antrifft“, warnte das Phantom gelassen. „Ohoh“, murmelte Jezabel. Sie ahnte, dass Chise EXTREM ungehalten sein würde, wenn er von dieser Eskapade erfuhr. ~*+*~ Der Kapuzenmantel verhüllte für Menschen, was sich darunter verbarg. Eine Standard-Ausrüstung für Malabsorbos beispielsweise, die sich häufig in der Menschenwelt bewegten. Thi-Anh hielt sich an das Protokoll, indem er meldete, warum er die Verfolgung einer noch namenlosen menschlichen Person aufnahm. Üblicherweise waren Daimonen wenigstens zu zweit unterwegs, wenn sie als Sicherheitspersonal oder als Malabsorbos agierten. Eine besondere Beschaffenheit konnte Ausnahmen rechtfertigen. Thi-Anh erfüllte diese Voraussetzung. Er folgte mühelos der Spur der Wilden Daimonen-Hummeln, bis er die Hofeinfahrt entdeckte. Eine Menge Staub aus dem Friedensstifter. Dieser Spur konnte er nachgehen. Dazu benötigte Thi-Anh wenig Zeit, bis er einen Menschen ausmachte, groß gewachsen, der an sich im Gehen herumbürstete. Wenn man die Körpersprache richtig deutete, unverkennbar übel gelaunt. Erinnerte sich der Mensch an die Begegnung mit einer Ex-Dschinniya, nun daimonischem Wesen und einem gestrandeten Fremdwelter mit sehr hübschem mittelblauen Teint? Man musste es herausfinden. Thi-Anh nutzte eine Abkürzung, positionierte sich in einer schmalen Gasse, lauschte auf die festen Halbstiefeltritte. „Herr Vampir, auf ein Wort bitte?“, eröffnete Thi-Anh SEINE Erkundigung. Der großgewachsene Mensch wirbelte abrupt herum, schoss förmlich in die Gasse und packte den Stoff des Kapuzenmantels. Thi-Anh verdichtete sich ausreichend, um den Rest des Staubs aus dem Friedensstifter direkt in das bleiche Gesicht zu pusten. Sein Gegenüber nieste ein Mal. Zwei Mal. Drei Mal. Schnaubte aufgebracht. „Und jetzt?! Darf ich mir was wünschen?!“, grimmig umklammerte er den Kapuzenmantel dort, wo bei den meisten die Halsgegend saß. „Kurios“, stellte Thi-Anh im Plauderton fest, „eigentlich solltest du dich nicht erinnern.“ „Du meinst, nachdem ich von vielen Insekten attackiert und beinahe von diesem Turnbeutel getroffen worden bin?!“, fauchte der Vampir-Verdächtige, rammte Thi-Anh gegen eine Häuserwand. Zumindest hätte das wohl geschehen sollen. Stattdessen donnerte die bleiche Faust im Kapuzenmantelstoff gegen die Dämmschicht der Hausverkleidung. „Das ist unhöflich“, bemerkte Thi-Anh sanft, „sich ohne Vorstellung derart gewalttätig zu gebärden.“ „Ich stalke niemanden!“, pfefferte der Mann zurück, „außerdem ist das Selbstverteidigung!“ Damit feuerte er einen Hieb ab, der einen Gegner in den Magen getroffen hätte. „Meine Güte, bist du sicher, dass du kein Vampir ist? Oder dieser grüne Kerl, dieser Hulk?“, kommentierte Thi-Anh die Attacke ins Nichts. Mit einem Fauchen zielte ein Tritt nach Knien, denen der Kontakt gar nicht gefallen hätte. „Was zur Hölle…?!“, fluchte der militante Mann. Thi-Anh seufzte nachsichtig. Er materialisierte eine Faust und traf zielsicher eine Magengrube. „Hallo. Ich bin Thi-Anh. Kannst du bitte die Kampfhandlungen einstellen?“ Offenkundig nicht, denn nach einem Ächzen steuerte eine Handkante auf Thi-Anhs Kehle zu. Zumindest in die ungefähre Höhe. Mit einem unverständlichen Fluch schüttelte der namenlose Angreifer den Kapuzenmantel, schleuderte ihn von sich. Er wirbelte im Kreis, sah sich um. Thi-Anh materialisierte sich in seinem Kapuzenmantel. „Buh!“ ~*+*~ Zum ersten Mal konnte Thi-Anh einen nachhaltigen Eindruck vermerken. Der Mann taumelte einige Schritte zurück, schnappte nach Luft. Was vermutlich daran lag, dass Thi-Anh SEINE Gestalt und SEIN Aussehen kopierte, die Kapuze zurückgeschlagen. „Es wäre wirklich leichter, wenn du mir mit einer temporären Gedächtnislücke entgegenkommen könntest“, bemerkte Thi-Anh sanft. „Was...was geht hier vor? Hör sofort auf, mich zu kopieren!“, bellte sein Gegenüber, erholte sich von der Überraschung. „Denkst du, eine Tintenfisch-Therapie könnte dein Gedächtnis beeinflussen?“, Thi-Anh zog sich die Kapuze über, entmaterialisierte sich. „Was soll das sein, eine Tintenfisch-Therapie? Soll ich mich mit Tinte vollschmieren, oder wie?!“, schnaubte der Mann. „Also, eigentlich ist das mehr eine Sache von Elektrizität. Glaube ich zumindest. Ich habe bisher die Methode noch nicht angewandt“, vertraute Thi-Anh seinem Gegenüber an. Seltsam, es gab tatsächlich Menschen, die nicht auf das Pulver reagierten! Ganz erstaunlich! „Ich werde gar nichts vergessen!“, bellte der Vampir-Verdächtige drohend, rückte erneut an Thi-Anhs Kapuzenmantel heran. „WAS bist du?“, erkundigte er sich. „Ein Phantom“, antwortete Thi-Anh bereitwillig, „bist du ein Vampir?“ „NEIN!“, donnerte der Mann aufgebracht, ballte die bleichen Fäuste. Thi-Anh bemerkte, dass die Fingernägel gestutzt und schwarz lackiert waren. „Willst du vielleicht mein Gebiss kontrollieren?!“, ätzte sein Gegenüber. Mit einem Lachen quittierte Thi-Anh diese Offerte. „Das nicht unbedingt, aber wenn ich dich küsse, würdest du dann ein Prinz werden und alles vergessen?“ ~*+*~ Das absurde, nur halb ernst gemeinte Angebot löste zu Thi-Anhs Überraschung eine Bedenkpause aus. Leider näherten sich Stimmen und Personen. „Komm“, unvermittelt ergriff der Mann den Stoff von Thi-Anhs Kapuzenmantel, zog ihn mit sich. „Wenn ich dich küssen soll, tust du besser daran, auch einen Körper zu haben, verstanden? Außerdem lässt mich ein Kuss höchstens vergessen, dass DU MIR aufgelauert hast“, knurrte er grimmig. Thi-Anh seufzte hörbar. „Es ist zwar nicht sonderlich schmeichelhaft, aber: würde Petting dich veranlassen, mir bis morgen Abend eine Gnadenfrist in Sachen Erinnerung einzuräumen?“ Zu seiner Verblüffung antwortete ihm der Mann sofort, ohne Zögern. „Lass uns das in meiner Wohnung klären.“ ~*+*~ Chise war unmissverständlich ganz und gar nicht erfreut. Nachdem er die Pforte verlassen vorgefunden hatte, ohne Nachricht über den Verbleib seines Freundes, war er im Begriff gewesen, die Spur aufzunehmen, mit Sorge und Zorn präpariert. Diese gefährliche Mischung brodelte noch immer in ihm, während er eine kalte Kompresse sehr vorsichtig um Vidales Oberarm wickelte. Vidale und Jezabel, auf dem eiligen Heimweg aufgestöbert, mümmelten im matten Schweigen Grießbrei mit Kompott. Aus der Mikrowelle geborgen, von Chise, der durchaus rasch lernte, wenn er es darauf anlegte. „Mir geht es schon besser“, wisperte Vidale niedergeschlagen. Er ahnte mit einiger Bestimmtheit, dass ein Zusammentreffen von Chise und dem vermeintlichen Vampir in eine epische Prügelei ausgeartet wäre. „Ich hoffe, das Phantom verdrischt ihn kräftig!“, knurrte Jezabel, die ihren Anteil am Debakel sofort eingestanden hatte. Chises violett strahlende Mandelaugen glichen Laserstrahlen, wenn er SEHR ungehalten war. „Thi-Anh?“, hakte Chise nach, küsste Vidale zärtlich auf die Stirn, kraulte die schwarzen Löckchen. Er KONNTE nicht sitzen, zu viel aufgestaute Energie pulsierte in ihm. „Genau“, nickte Jezabel, warf einen Seitenblick auf Vidale, der sich an Chise anlehnte. Der Schreck hatte ihn erschüttert. „Warum ist dieser Mensch so verärgert gewesen?“, erkundigte er sich verstört. „Er mag keine Vampire“, schlussfolgerte Jezabel sofort, „oder er ist selbst einer und hat Angst, man könnte ihn aufstöbern.“ „Wie vorausschauend, ihm ohne Pflock und Verstärkung aufzulauern“, ätzte Chise ungnädig. Sofort zogen sich zwei Häupter zwischen die Schultern ein. Er seufzte laut. „Thi-Anh ist clever. Die meisten von der Sicherheit sind das“, was er aus eigener, nicht ganz so erfreulicher Erfahrung wusste, wenn er mal wieder aus der Menschenwelt vor das Friedensgericht geführt wurde. „JETZT sollten wir intensiv hoffen, dass Detorix hier erst morgen Früh aufschlägt“, grummelte er verdrossen. Jezabel und Vidale winselten innerlich gequält. ~*+*~ Thi-Anh ließ sich am Kapuzenmantel ziehen. Er hatte keine Vorstellung, ob der namenlose Mann ein Vampir war. Allerdings konnte er bereits einen gefährlichen Scharfsinn notieren. Der Stoff seines Kapuzenmantels war prüfend gedreht worden. So konnte auch die für Menschen unsichtbare Seite von der sichtbaren detektiert werden. »Uiui«, dachte Thi-Anh. Möglicherweise kannte der Mann sich bei Comics oder Filmen aus? Da gab es ja Figuren mit verzauberten Umhängen. Sehr bedauerlich, dass so viele Lichtfilmpaläste ihre Pforten nach der Pandemie für immer geschlossen hatten. Das Campus-Kino bot selten Filme, in die Thi-Anh sich aus rein edukativen Erwägungen schmuggeln konnte. Nach zehn Minuten in völligem Schweigen erreichten sie ein älteres Mehrparteienhaus. Im dritten Stock bugsierte der Mann Thi-Anh in seine Wohnung. Ohne das Licht anzuschalten, sodass nur ein vager Schimmer der Straßenbeleuchtung Umrisse zeichnete. „Nimm Gestalt an“, forderte er, wirbelte herum und presste Thi-Anh förmlich gegen die Rückseite der Wohnungstür. Allerdings adressierte er ihn nun zu hoch, einen halben Kopf. „Du hast wohl nicht zufällig schon was vergessen?“, versuchte Thi-Anh mit schelmischem Tonfall sein Glück. „Zwei halbe Portionen, die mir aufgelauert haben auf der Jagd nach Vampiren, ein Phantom, das die Frechheit besitzt, mein Aussehen zu kopieren. Dazu noch ein Sandsack mit irgendwelchem Glitterstaub drin und aufdringliche Insekten“, knurrte der Mann. „Du könntest dich nicht überzeugen, lebhaft zu träumen? Oder zu halluzinieren?“, startete Thi-Anh einen weiteren Anlauf. Dieses Mal erntete er bloß ein Schnauben. „Ich erinnere mich außerdem an unseren Handel“, grollte der Mann sonor. Thi-Anh antwortete nicht, auch wenn er sich fragte, ob er dieses Mal nicht ein wenig zu waghalsig auf sein natürliches Talent vertraute. Atem streifte sein Gesicht, sehr kraftvolle Hände umklammerten seine Handgelenke, pressten sie neben seinen Schultern gegen das Türblatt. »Kurios«, dachte Thi-Anh erneut, bevor warme Lippen seine eigenen trafen. ~*+*~ Das Gebiss erschien Thi-Anh durchaus normal. Die Zungenfertigkeit war preiswürdig und der athletische Körper, der sich gegen seine Gestalt presste, eine unmissverständliche Nachricht. In seiner physischen Gestalt konnte er um Luft schnappen, Speichel ablecken und Sterne sehen. Von weichen Knien und merklichen Reaktionen unter dem Gürteläquator ganz zu schweigen. Fast widerwillig rückte der Mann von ihm ab, behielt aber ein Handgelenk in festem Griff. „Ich erinnere mich immer noch“, versicherte er Thi-Anh fast spöttisch, aber auch rau von Lust. Er dirigierte Thi-Anh tiefer in das offenkundige Ein-Zimmer-Appartement. Hinter einem offenen Regal als Raumteiler bemerkte der ein französisches Bett mit Auflage für eine Person unter der Tagesdecke. „Zieh deinen Mantel aus und schlüpf unter die Decke“, mit der Anweisung beförderte der Mann das Dekor herunter. Thi-Anh glitt aus dem Kapuzenmantel, sah sich im Halbdunkel neugierig um, bevor er der Anweisung Folge leistete. Ein kleiner Sekretär, ein rollbarer Kleiderständer, eine schmale Kommode, ein Pantry. Keine Bilder, keine Fotos, keine Grünpflanzen, kein Dekor. Es wirkte zudem so, als wären Stoffe und Möbel dunkel gehalten. Der Mann selbst schlüpfte aus dem Wollmantel, streifte die halbhohen Schnürstiefel ab. Der Webschal folgte. Darunter bildeten die Hose, ein Sakko und ein Rollkragenpullover ein Ensemble. Offenbar auch von schwarzem Stoff. „Verrätst du mir deinen Namen?“, erkundigte Thi-Anh sich, zog die Knie vor den Leib. „Damit du um Zugaben flehen kannst?“, kam die spöttische Replik. Thi-Anh lachte. „Ja, ich würde dich gern auf diese Weise anspornen“, gab er keck zurück. Im Halbdunkel schlüpfte der groß gewachsene Mann zu ihm, nun völlig entkleidet. Dazu drückte er auch ganz selbstverständlich Thi-Anh in die Matratze, richtete sich drohend über ihm ein. „Keine Tricks mit dieser Phantom-Nummer!“, grollte er. „Ich stehe zu meinem Wort“, wisperte Thi-Anh, widerstand der Versuchung, sich ein wenig des Körpergewichts auf seinem Leib zu entledigen. „Dann hoffe ich, dass das kein Pflock ist, den ich da spüre“, knurrte die dunkle Stimme an seinem Ohr. Unwillkürlich gluckste Thi-Anh, blinzelte ins Halbdunkel. DIESEN Ausgang seiner Schicht hatte er zweifellos nicht geahnt! ~*+*~ Von „kurios“ war Thi-Anh über „verrückt“ zu „gemeingefährlich“ gekommen. Sein ganzer Leib prickelte, nicht nur von trocknendem Speichel und einem Anflug Schweiß oder den Spuren ihrer Samenergüsse. Es war real, das konnte er sich selbst nicht anders erklären, aber auch sehr… verwirrend. Der Mann agierte wie bei ihrer Konfrontation, zupackend, stark, überwältigend. Um zärtlich weiterzumachen, einfühlsam, hingebungsvoll und leidenschaftlich. Nicht, als handle es sich um einen ethisch eher bedenklichen „Deal“ mit einem Unbekannten, der zweifellos nicht menschlich war! Thi-Anh lag auf dem Rücken, visierte in der Semi-Dunkelheit die Zimmerdecke an und fragte sich, wie er vorgehen sollte. Im Handbuch für den Sicherheitsdienst fehlte offenkundig eine Fußnote für solche Situationen! Ein Arm fixierte ihn schwer, quer über seinem Brustkorb. „Phileas“, raunte die dunkle Stimme, als er den Kopf drehte, „nicht PHIL, Philly oder Phi-Man.“ DAS klang so geladen mit Groll, dass Thi-Anh gluckste. „Phileas“, bestätigte er, strich über den muskulösen Arm, „freut mich, dich kennenzulernen.“ Phileas knurrte kehlig. „Ich hab ein VERDAMMT GUTES Gedächtnis. Wenn du nicht morgen...heute Abend hier auf der Matte für Verhandlungen stehst, werde ich garantiert einfallsreich tätig.“ Thi-Anh seufzte, verzichtete jedoch weise darauf, Phileas zu entgegnen, dass er einem Nerven und Energie aussaugen konnte wie ein Vampir! ~*+*~ Detorix rückte früh an, ausgerüstet mit denkbar grimmiger Laune, einem Auflauf und einer großen Schachtel Kekse. Chise schlang einen Arm um Vidales schmale Schultern, bereit, ihn gegen Kritik, auch wenn sie berechtigt war, zu verteidigen. Jezabel, die erleichtert das Verschwinden der Fingerabdrücke auf Vidales Oberarm inspiziert hatte, machte einen dezent übernächtigten Eindruck. „Das gefällt mir gar nicht“, verkündete Detorix. Die Reste von Pulver ließen keinen Rückschluss zu, dass ihre Qualität nicht stimmte. „Das ist ein mutierter Vampir“, brummte Jezabel, „wie hätten wir das ahnen sollen?!“ Bevor Detorix ihr einen strengen Vortrag über die dämliche Selbstüberschätzung bei der Verfolgung fiktiver Figuren halten konnte, klopfte es an der Loge. „Guten Morgen“, Thi-Anh, von den Daimonen-Käfern eingelassen, schlug die Kapuze seines Mantels zurück. „Hast du ihn verdroschen?!“, Jezabel sprang freudiger Hoffnung auf. Thi-Anh grinste, salutierte mit zwei Fingern an der Schläfe, vor Detorix, der keineswegs diese Idee präferierte. „Sagen wir so: es kam zum Infight. Wiederholt“, zwinkerte Thi-Anh, ließ sich einen Keks reichen. „Tatsächlich konnte ich Phileas auf Petting hochhandeln, sodass er bis heute Abend Stillschweigen zugesagt hat.“ Jezabel keuchte, Chise knurrte, während Vidale ratlos blinzelte. Detorix funkelte äußerst ungemütlich. „Das erklärt wohl deine hormonell bedingte gute Laune. ICH sehe allerdings immer noch das PROBLEM“, brummte er ungnädig. Also wirklich, sich mit Fummelei Aufschub verschaffen! Den Rest Keks verschluckend zwinkerte Thi-Anh, klopfte Chise kurz auf die Schulter, der immer noch den Eindruck machte, jemandem handgreiflich eine Lektion verabreichen zu wollen. „Die Ironie kommt noch, meine Lieben“, lächelte er Vidale an, „allerdings habe ich das auch erst heute Morgen herausgefunden. Phileas hat deinen hübschen Teint gar nicht erkannt und deshalb Lunte gerochen. Tatsächlich war es MEIN Erscheinen, das ihn auf nicht-menschliche Wesen aufmerksam machte.“ Jezabel schüttelte den Kopf, „der hat uns doch direkt angesehen!“ „Stimmt“, Thi-Anh pickte einen weiteren Keks aus der Schachtel, „das ist richtig. Die Antwort lautet Achromasie. Deshalb auch die seltsame Brille. Phileas ist vollständig farbenblind.“ ~*+*~ Detorix scheuchte Thi-Anh entschieden in sein Büro im ersten Stock des Backsteinhäuschens auf dem Riss zwischen den Welten. „KEIN WORT über deinen Handel zu Artemis!“, zischte er Thi-Anh zu. Der lächelte bloß. Alle wussten, wie sehr das Erfinder-Einhorn Angst vor sexuellen Avancen hatte. Wie zartfühlend sein Gemüt war. Und wie verärgert Detorix darauf zu reagieren pflegte, wenn irgendwer die Dummheit besaß, seinem Gefährten Kummer zu verursachen. „Mir gefällt das nicht“, wiederholte Detorix seine Einschätzung, während er geübt und mit einer Professur in Bürokratisch Phileas durchleuchtete. Damit referierte er allerdings auf Thi-Anhs selbstlose Offerte, sich als Sexpartner anzudienen. „Es gab schon schlechtere Bedingungen für Stillschweigen“, konterte Thi-Anh weniger pessimistisch. Detorix schnaubte. Die meisten Daimonen, für die er Szenarien konzipierte, damit sie in der Menschenwelt dauerhaft leben konnten, waren durch enge, intime Beziehungen gebunden. Liebe. Er persönlich misstraute diesem Konglomerat selbstredend, fand jedoch andere Argumente stichhaltig, beispielsweise gemeinsame Kinder, Hobbys oder so ähnliche Charakterzüge, dass Entfremdung unvorstellbar wurde. Rhythmische Gymnastik gehörte nicht dazu. „Erzähl mir, was du herausgefunden hast“, forderte Detorix ihn auf. Thi-Anh beschrieb also das Ein-Zimmer-Appartement, die fast unpersönliche, sehr ordentliche Erscheinung, das Vorherrschen von Schwarz bei Bekleidung und Dekor, Phileas erstaunliche Physis und den Inhalt der Brieftasche. Von Detorix kam diesbezüglich keine Kritik. Er kannte die Wohnanschrift, durch den Firmenausweis den Arbeitsplatz, durch die Notfallbescheinigungen das Krankheitsbild und über den Personalausweis Geburtsdatum, -ort und Staatsangehörigkeit. „Sieh an, sieh an“, bemerkte er, als er auf einen kurzen Lebenslauf stieß. Der hätte vermutlich nicht über das berufliche Netzwerk einfach zugänglich sein sollen. Thi-Anh beugte sich vor, spähte auf die zahlreichen Fenster, während Detorix in unerbittlicher Professionalität ein Dossier erstellte. „So langsam ahne ich, warum ‚Vampir‘ ein Reizwort ist“, bemerkte Thi-Anh leise. Neben ihm knurrte Detorix. „Übertriebene Rücksichtnahme können wir uns nicht leisten“, erinnerte er grimmig. Thi-Anh richtete sich auf. „Gib mir etwas Zeit zu handeln. Das könnte der Beginn einer wundervollen Freundschaft sein“, zitierte er ungeniert „Casablanca“. Detorix schnaubte abschätzig. ER konnte diesen Kitsch-Streifen noch NIE leiden! ~*+*~ Phileas reagierte rasch, als er Thi-Anh im Kapuzenmantel vor dem Gebäude seines Arbeitgebers entdeckte, einer großen Kanzlei. „Da war jemand neugierig“, knurrte er, umklammerte den Stoff, funkelte in die leere Kapuze. Thi-Anh lachte leise. „Das hast du doch erwartet, nicht wahr?“, wisperte er freundlich, „sonst hättest du mich gnadenlos an die Luft gesetzt und wärst nicht eingeschlafen.“ Mit einem Arm um ihn geschlungen. „Denk nicht, dass ich dich einfach davonkommen lasse“, quittierte Phileas diese Einlassung frostig, „ich hab Gummis und Gleitgel besorgt.“ Mühsam unterdrückte Thi-Anh ein Glucksen, während er unerbittlich in schnellem Schritt weitergezogen wurde. „Phileas, du bist ein Romantiker!“ ~*+*~ Phileas bewegte sich in der Semi-Dunkelheit seiner Wohnung sicher und zielstrebig. »Nicht verwunderlich«, dachte Thi-Anh, der prompt seines Kapuzenmantels verlustig ging, »wenn man mit sechs Jahren schon in ein privates Internat für Blinde gesteckt wird.« Allerdings war Phileas nicht blind, er sah die Welt unscharf und monochrom. Eine große Blendempfindlichkeit musste durch die dunklen Gläser bedient werden. Aber offenkundig hatte man ihn auf ein Leben OHNE Sehkraft vorbereitet. „Bist du schon mal von einem Kerl gevögelt worden?“, Phileas streifte die eigenen Kleider ab, gewohnt kurzangebunden, fast barsch. „Das ist länger her“, antwortete Thi-Anh. Er sorgte sich allerdings nicht. Mit seinem Talent konnte er körperliches Unbehagen kontern. Weniger zu einer Gestalt verdichtet gab es keine schmerzhaften Reibungspunkte, um ein Beispiel zu nennen. „Geh nicht, ohne mich aufzuwecken“, kommandierte Phileas, drückte Thi-Anh wie am Abend zuvor auf die Matratze. „Versprochen“, antwortete Thi-Anh, strich tollkühn durch die schweren, glatten Strähnen. „Wehe, du löst dich heimlich in Wohlgefallen auf!“, drohte Phileas, lastete mit seinem Gewicht auf Thi-Anh. Der lachte leise. „Ich vermute stark, das würde uns beiden nicht gefallen“, kalauerte er amüsiert. Er fragte sich, was Phileas beabsichtigte, indem er ihre körperliche Nähe forcierte. ~*+*~ „Ich sollte mehr Sport betreiben“, ächzte Thi-Anh, rang nach Luft, von einem feuchten Film bedeckt. Wenn Phileas Sex wollte, artete das in sehr anstrengende, wenn auch erfüllende Aktivitäten aus. Zu seiner Erleichterung erwies sich der groß gewachsene Mann auch geübt beim Analsex, machte sich weder Rücksichtslosigkeit noch Ungeschick schuldig. „Du kannst dich hier austoben“, bestimmte Phileas rau, ließ eine Hand über Thi-Anhs Seite gleiten, „ich bin jedenfalls noch nicht fertig mit Vögeln.“ Thi-Anh lachte keuchend, weil er den „Botschafter“ dieser Neuigkeit an seinem Oberschenkel in hervorstechender Weise spürte. „Was für ein seltsamer Mensch du doch bist“, wisperte er leise, wandte Phileas den Kopf zu. „Ach ja?!“, Phileas platzierte sich zwischen Thi-Anhs Beine, winkelte sie an, „du wirst mein fester Freund sein. Ab sofort sind wir ein Paar.“ Vor Überraschung brachte Thi-Anh keinen naseweisen Kommentar heraus. „Du bist doch hoffentlich bis eben solo gewesen?“, erkundigte sich Phileas mit rhetorischer Qualität, während er Thi-Anhs stehende Ovationen handgreiflich förderte, „mach dich darauf gefasst, dass wir noch lange nicht fertig miteinander sind.“ ~*+*~ Thi-Anh erwachte, fand wie am Morgen zuvor einen nackten Arm um sich geschlungen, der wie eine Fessel wirkte. „Phileas?“, flüsterte er, drehte sich leicht, „ich muss los.“ Ein undeutliches Brummen antwortete ihm. Der Arm blieb, wo er postiert war. Seufzend setzte Thi-Anh sich auf, strich über den nackten Arm. „Das ist wirklich sehr schmeichelhaft...“, setzte er in neckendem Tonfall an, wurde knurrend unterbrochen. Wenn auch nicht verständlich. Phileas stemmte sich hoch, fischte erst nach seiner Sonnenbrille, dann nach einer Thermosflasche. Er trank einige Schlucke, wandte den Kopf Thi-Anh zu, der dieses Manöver amüsiert verfolgte. Ein naseweiser Kommentar verlor gegen einen ausgiebigen Kuss. „Heute Abend bist du wieder hier“, befahl Phileas, „wir sind zusammen, klar?!“ Es klang wie eine Drohung. Thi-Anh löste sich, erhob sich und wickelte den Kapuzenmantel um seinen nackten Körper. Bevor er die Wohnungstür erreichen konnte, dankbar für einen ausgezeichneten Orientierungssinn in der Dunkelheit, folgte Phileas ihm schon, splitternackt, geschmeidig und rasch. Er wirbelte Thi-Anh herum, presste ihn gegen das Türblatt mit seinem gesamten Körper, wiederholte die orale Attacke. „Jetzt darfst du gehen“, grollte er sonor, wich gerade so weit, dass Thi-Anh durch einen Spalt ins Treppenhaus gleiten konnte. ~*+*~ „Der tickt nicht ganz richtig“, konstatierte Detorix in kalter Wut, musterte Thi-Anh grimmig. Der hatte pflichtgemäß Bericht erstattet, nippte an einem Teebecher. „Das hat ein Ende. Ich organisiere den Tintenfisch. Offenkundig sind bei diesem sauberen Kandidaten ein paar Schrauben locker“, versetzte er empört. „Warte noch, bitte. Ich habe das im Griff“, bat Thi-Anh unbehaglich, „er ist ein wenig seltsam, stimmt, doch bis jetzt hat er sein Wort gehalten.“ Detorix schnaubte, musterte Thi-Anh kühl. „DAS Lied kenne ich, in allen Strophen! Immer gibt es eine Erklärung, eine Ausflucht, irgendein Hoppla, um das Helfersyndrom auszulösen. Du bist KEIN Sozialarbeiter für einen verkorksten Unsympathen!“, donnerte er unnachgiebig, „erinnere dich an die Regel: ‚NICHT EINMISCHEN‘! Das gilt auch für angeborene oder erlernte Beklopptheit!“ Thi-Anh erhob sich, appellierte an Detorix‘ Sinn für Fairness, „bitte, lass mich die Sache klären, ja? Bis ein Tintenfisch gefunden ist, in Ordnung?“ DAS, so hoffte er, würde gar nicht so leicht sein, da üblicherweise Gedächtnisverlust per Friedensstifter hervorragend funktionierte. Detorix knurrte bloß und warf Thi-Anh einen mahnenden Blick zu, dass er sich am ÄUSSERSTEN Rand der Toleranzschwelle bewegte. ~*+*~ Thi-Anh wartete vor dem Mehrfamilienhaus im Schatten, den Kapuzenmantel so gedreht, dass Menschen ihn nicht erkennen konnten. Er konnte das Unbehagen nicht abstreifen, dass Detorix‘ unerbittlicher Vortrag bei ihm ausgelöst hatte. Selbst seine daimonische Toleranz strapazierte Phileas‘ brüskes Gebaren. Lag es daran, dass er Erpressungspotential vermutete? Die Gelegenheit nutzte, einen anderen drangsalieren zu können, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen? Thi-Anh empfand eine unerfreuliche Verwirrung, weil es ihm nicht gelang, eine schlüssige Erklärung zu finden. »Wie ironisch«, dachte er, »dabei bin ich mit meinem Talent doch prädestiniert, ALLES zu durchdringen.« Zumindest, wenn es sich gegenständlich präsentierte. Er schwebte über dem Boden, registrierte die verstreichende Zeit. Phileas verspätete sich. Mit Absicht, aus Kalkül oder doch zufällig? Wenigstens konnte ihm die Kälte nichts anhaben in seiner Phantom-Erscheinung. Endlich hörte er den geschmeidigen, schnellen Trab, den er mit Phileas‘ Schnürstiefel verband. Der groß gewachsene Mann preschte heran, selbstbewusst und alert. Deshalb wirbelte er auch ansatzlos herum, als Thi-Anh sich bemerkbar machte. Obwohl er noch immer „unsichtbar“ war. „Guten Abend. Ah, Augenblick“, Thi-Anh schlüpfte in seiner Phantomgestalt aus seinem Kapuzenmantel, kehrte den Stoff um. Sofort packte Phileas einen Zipfel. „Wieso wartest du hier? Kannst du nicht einfach in meine Wohnung schweben?“, erkundigte er sich bissig, „ich nahm an, du hättest schon alles gefilzt.“ Keine Erklärung für seine Verspätung, keine Entschuldigung. Thi-Anh drückte sein Rückgrat durch, auch wenn er sich noch nicht vollständig materialisiert hatte. „Ich wollte vermeiden, meinen Mantel in deinen Briefkasten stopfen zu müssen“, konterte er kühl, „außerdem widerspricht es meinem Verständnis einer Partnerschaft, wenn man einander ausschnüffelt.“ Phileas schnaubte bloß spöttisch, zerrte Thi-Anh hinter sich die Treppen hoch. Kaum befand er sich hinter der Wohnungstür, riss Phileas ihm bereits den Kapuzenmantel herunter. „Hoffentlich hast du keine Platzangst“, schnarrte er, „ich brauche eine Dusche. Los, let‘s tango.“ Tatsächlich war die Nasszelle, wie Thi-Anh in den Nächten zuvor schon festgestellt hatte, sehr spartanisch gehalten. Die Duschkabine bot kaum Platz, sich zu drehen. Er leistete jedoch keine Gegenwehr, als er eingeseift, mitgetauft und zu handgreiflichen Diensten an der Libido veranlasst wurde. Phileas trocknete ihn sogar im Dämmerlicht einer trüben Funzel ab. Dafür offenbarte er ohne Sonnenbrille ein weiteres Symptom seiner Krankheit. Seine dunklen Augen zuckten unablässig, im vergeblichen Bemühen zu erkennen, was nicht transportiert werden konnte. „Du kannst dich in andere Personen verwandeln, oder?“, Phileas schob ihn zum Bett, wo sich nun ein kleiner Mülleimer befand, gleich neben der Schachtel mit Kondomen und Gleitmittel. „Meistens“, Thi-Anh zögerte, weil er nicht wusste, worauf Phileas hinauswollte. „Also, wenn ich dich vögle und in dir abspritze, wirst du nicht schwanger, richtig?“, Phileas ging in die Hocke, fischte in der Schachtel, „wäre beschissen, wenn ich meine genetische Disposition weiterreiche.“ Thi-Anh erstarrte. „Du willst, dass ich...eine Frau verkörpere?“, erkundigte er sich konsterniert. „Hauptsächlich will ich meine Ladung ohne Schalldämpfer abfeuern“, schnarrte Phileas sardonisch, „ist doch sicher kein Problem für dich.“ Damit packte er Thi-Anhs Oberarm, um ihn zu fixieren, während er die Tagesdecke herunterzog. Thi-Anh atmete tief durch, ballte die Fäuste. „Hat sich irgendjemand dein Verhalten mal bieten lassen?“, erkundigte er sich beherrscht. „Es gibt immer ein erstes Mal“, versetzte Phileas boshaft, „du wirst doch nicht unsere Vereinbarung vergessen, hm?“ „...freu dich auf den Tintenfisch“, stieß Thi-Anh tonlos hervor, unternahm Anstalten, sich in seine Phantomgestalt zu entmaterialisieren. „Warte!“, Phileas drehte sich zu ihm um, „geh bitte nicht, Thi-Anh.“ Thi-Anh löste sich vom Boden, um Phileas‘ Größenvorteil auszugleichen, reduzierte die Dichte seines Körpers. „Ich entschuldige mich, Thi-Anh. Für mein grobes Verhalten, die Verspätung und dafür, dass ich dich an die Grenzen deiner Toleranz getrieben habe“, Phileas klang ungewohnt: sachlich, ruhig, kontrolliert. „Warum?!“, presste Thi-Anh heraus, verabscheute den schrillen Ton seiner Stimme, „warum das alles?!“ Phileas hob einen Arm, bot ihm die Hand an. „Weil ich annahm, dass mir ein perfider Streich gespielt wird. Immerhin BIN ich ja in gewisser Weise ein Vampir“, er schnalzte abschätzig mit der Zunge. „Was? Aber...“, verblüfft landete Thi-Anh, registrierte irritiert, dass er zitterte, „aber es gibt keine Vampire?!“ Die Tagesdecke aufsammelnd bot Phileas sie zum Drunterschlüpfen an. „Nicht die schicken Versionen aus Literatur und von der Leinwand“, ein bitteres Lächeln prägte seine Mundwinkel, „du hast doch gesehen, wo ich arbeite. Eine Kanzlei, spezialisiert auf Wirtschafts- und Steuerrecht. Wir vertreten auch die Finanzbehörden. Blutsauger eben.“ Perplex ließ sich Thi-Anh tatsächlich die Tagesdecke umlegen und auf das Bett dirigieren. Vollkommen nackt ging Phileas vor ihm in die Hocke, hielt seine Hände. „Ich bin das vermeintlich leichteste Opfer. Das wird immer mal wieder versucht. Deshalb wollte ich herausfinden, was dieses Mal dahintersteckt“, erklärte er, die Augen wild flackernd, die langen, schwarzen Strähnen noch feucht über die Schultern fallend. „Aber...ICH bin es!“, brach es verletzt aus Thi-Anh heraus, „wie kannst du annehmen, dass ich dir etwas antun will?! Großer M, und ich habe mir heute Morgen eine Strafpredigt über meine Leichtgläubigkeit, mein Helfersyndrom und mein unangemessenes Vertrauen in dich anhören müssen!“ Er beugte sich vor, presste die Handflächen gegen seinen Kopf, keuchte, zitterte noch immer. „Es tut mir wirklich sehr leid!“, flüsterte Phileas eindringlich, schlang auf Knien die Arme um Thi-Anhs Nacken, „bitte, Thi-Anh, beruhige dich. Wenn du hyperventilierst, musst du einen Gummi aufblasen.“ Damit schwenkte er in Thi-Anhs Blickachse ein verpacktes Kondom, natürlich schwarz. Thi-Anh schnaubte. Trotz seines Schocks erkannte er den Scherz. Als er den Kopf anhob, die Hände sinken ließ, hauchte Phileas ihm einen zarten Kuss auf die Lippen. „Nur fürs Protokoll: ich bin immer noch wütend auf dich. Ich weiß nicht, ob ich mich zwischen dich und den Tintenfisch stelle“, informierte er Phileas, justierte die Tagesdecke um seine Schultern. Phileas lächelte, fischte seine Sonnenbrille. „Nicht nötig, ich bin es gewöhnt, mich selbst zu verteidigen“, damit schnellte er in die Höhe, streichelte kurz über Thi-Anhs kurzen Schopf. Zu dessen Verblüffung streifte er Boxer-Shorts und einen Jogginganzug über, selbstredend alles in Schwarz gehalten. „Kannst du menschliches Essen vertragen? Dann mache ich Nudeln mit Tomatensauce“, erkundigte er sich. „Du kochst?“, Thi-Anh zog die Knie an, beobachtete, wie geübt Phileas einen Topf mit Wasser füllte, auf die Induktionsplatte setzte, Nudeln versenkte, dann auf der zweiten Platte Tomatenmark anschwitzte, bevor er ein Glas mit Tomatensugo leerte. Mit dem Daumen tastete er Markierungen auf den Gläsern für Salz, Pfeffer und Zucker ab, rührte, kostete. Thi-Anh verfolgte schweigend diese Routine in der Semi-Dunkelheit. „Eigentlich esse ich meistens auswärts“, griff Phileas schließlich den Faden ihrer Konversation auf, nachdem er auf die Geräusche der beiden Töpfe lauschte, „aber spätestens seit der Pandemie habe ich Vorräte, um mich über Wasser zu halten.“ Er wandte sich Thi-Anh zu. „Es tut mir auch leid, dass du meinetwegen Ärger mit deinen Vorgesetzten bekommen hast“, ergänzte er ruhig. Thi-Anh seufzte. Wollte er wirklich springen? Nun, Detorix hatte ihn schon ausgezankt, da konnte es nicht mehr viel schlimmer kommen. „Weißt du, wir haben Regeln für diese Welt. Keine Menschen verletzen und sich nicht einmischen. Das Ganze war ein Missverständnis“, er erhob sich, ließ die Tagesdecke im Stich, löste seine Gestalt zu Umrissen auf und schwebte zu Phileas. „Vidale und Jezabel hatten ein Essay über Populär-Kultur verfasst mit Vampiren als Thema. Vidale hat auch Bilder gezeichnet. Deshalb wurden seine Freunde, die Hummeln, auf dich aufmerksam. Darum sind die beiden dir gefolgt. Sie wollten herausfinden, ob es Vampire gibt.“ Er blickte Phileas ins Gesicht. „Du hast sie fürchterlich erschreckt, vor allem, als du Vidale gepackt und seinen Schal heruntergezogen hast. Er hat einen hübschen, blauen Teint, verstehst du? Deshalb glaubten sie, sie müssten dich sofort vergessen lassen, dass du zwei Wesen aus fremden Welten erblickt hast.“ Phileas drehte die Wärmezufuhr ab, schöpfte Nudelwasser zu den eingedickten Tomaten. „Ich bin ihnen gefolgt, weil ich zum Sicherheitsdienst gehöre. Ich achte darauf, dass niemandem aus meiner Welt hier etwas passiert. Deshalb bin ich dir nachgeschwebt, um dein Gedächtnis zu löschen. Ironischer Weise war ICH es, der dir verraten hat, dass du es mit Nicht-Menschen zu tun hast“, er seufzte. Phileas mischte in zwei unterschiedlichen Tellern Nudeln mit Tomaten. „Heißt das, dass hier unsichtbar fremde...Wesen unterwegs sind?“, erkundigte er sich schließlich skeptisch, verteilte Besteck, zog zwei gestapelte Hocker heran. „Ja. Wir sind unter euch“, kopierte Thi-Anh einen Filmtitel mit spöttischer Stimme, sammelte seinen Kapuzenmantel auf, um sich einzuwickeln, bevor er seine Gestalt manifestierte, sich auf den Hocker setzte. „Wir haben diese Regeln. Wir dürfen auch nichts über unsere Welt, unsere Sprache oder die Tore zwischen den Welten verraten“, er studierte Phileas‘ unleserliche Miene. „Was du jetzt gerade tust, weil ein Tintenfisch jede Erinnerung an dich aus meinem Gedächtnis löschen wird“, konkludierte Phileas gefasst. Thi-Anh senkte den Blick auf seinen Teller, zögerte, bis Phileas ihm gestikulierte, er möge ruhig mit dem Essen beginnen. Wahrscheinlich war es der Dampf, der auf seinen Wangen kondensierte, einzelne Perlen bildete. Phileas strich ihm sanft über die Haut, zog ihn auf seinen Schoß und umarmte ihn. „Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass es zum Tintenfisch eine Alternative gab, die ich mir durch meinen Argwohn und mein Verhalten verscherzt habe“, raunte er sanft in Thi-Anhs Ohr. „Dann werden wir eben bis zum Tintenfisch-Einsatz so viele Erinnerungen schaffen, dass der sich anstrengen muss, um alles zu tilgen“, versprach er Thi-Anh, küsste ihn tröstend. ~*+*~ Thi-Anh erwachte, spürte den gewohnten nackten Arm um seinen Brustkorb. Nach dem Abendessen hatte Phileas tatsächlich einfach mit ihm gekuschelt, bis sie eingeschlafen waren. »Was ist bloß los mit mir?«, dachte Thi-Anh mutlos. Hatte Detorix vielleicht recht damit, dass er sich in eine aussichtslose Lage manövriert hatte? Zu viel von sich eingebracht und offenbart, dass ihm jetzt wirklich das Herz schwer wurde? Wieso hatte er angenommen, es könne einen anderen Weg geben? »Ich kenne Phileas ja nicht mal richtig!«, hielt er sich vor. Würde Detorix sich von der Erklärung für dessen unsägliches Verhalten beschwichtigen lassen? »Eher wird er annehmen, dass ich von hormoneller Überflutung besoffen war«, seufzte Thi-Anh stumm. „Phileas?“, er legte die Hand auf den Arm, „ich muss mich auf den Weg machen.“ An seiner Seite brummte es, dann rappelte Phileas sich hoch. Wie am Vortag setzte er erst die Sonnenbrille auf, nahm einen Schluck Wasser aus der Thermosflasche, bevor er sich Thi-Anh zuwandte. „Guten Morgen“, seine Hand liebkoste Thi-Anhs Wange, „wirst du heute Abend noch mal kommen?“ »Bevor die Tintenfisch-Lobotomie meine Erinnerungen löscht«, schwang unausgesprochen mit. „Ja“, nickte Thi-Anh, beugte sich vor, um Phileas zu küssen, „danke für die Tomaten-Nudeln gestern. Ich esse selten in der Menschenwelt.“ „Dann bringe ich heute Abend etwas mit“, Phileas erwiderte den Kuss leidenschaftlich. „Ich freue mich darauf“, wisperte Thi-Anh schließlich beklommen, wechselte zu seiner Phantomgestalt, um nicht in Versuchung zu kommen. An der Wohnungstür warf er sich seinen Kapuzenmantel über. Phileas folgte ihm. „Bitte richte Jezabel und Vidale aus, dass es mir leid tut, sie so erschreckt zu haben. Ich bin leider keiner von den ‚guten‘ Vampiren“, ergänzte er mit einer Grimasse. Thi-Anh nickte bloß, wischte durch den Spalt ins Treppenhaus. Er traute seiner Stimme nicht, Abschiedsworte zu formulieren. ~*+*~ „Glaubst du das? Dass man ihn bedroht hat?“, Jezabel nippte an ihrem Teebecher, während sie rasch für die Potpourris die Ausbeute vorsortierte. „Detorix hält es zumindest nicht für eine reine Schutzbehauptung“, Thi-Anh übersetzte, „das ist juristisch für ‚Lüge‘. Ich glaube ihm, dass er sich ehrlich bei euch entschuldigt für den Schreck.“ Er warf Vidale einen Blick zu, um Chises violettem Bannstrahl des Zorns auszuweichen. Der hätte zweifellos einen Anlass gesucht, um Phileas eine Tracht Prügel zu verabreichen. „Es ist bestimmt schwer, keine Farben sehen zu können. Oder Licht meiden zu müssen“, Vidale pickte nachdenklich Material für Blumensträuße zusammen, „er hatte wahrscheinlich auch Angst vor uns. Ich trage ihm nichts nach.“ Er lächelte Thi-Anh aufmunternd zu. Chise knurrte entwaffnet, beugte sich vor, schlang die Arme um Vidales magere Schultern. „Beim großen M, ich gebe mich geschlagen! Dieses Mal werde ich seinen Scheitel nicht nachziehen“, grummelte er. Lächelnd zupfte Vidale am geschmückten Dreadlock, „danke, Chise. Mir ist gleich wohler, wenn es keinen Streit mehr gibt.“ Jezabel wechselte verstohlen einen Blick mit Thi-Anh, unterdrückte ein Glucksen. Wahrhaftig, Chise hatte seine Nemesis gefunden! ~*+*~ Thi-Anh versteckte seinen Kapuzenmantel über einer Blende, nutzte seine Phantomgestalt, um von der Lobby durch das Bürogebäude zu wandern. Er glitt in die Kanzlei, diffundierte durch Wände und Türen. Eine Bibliothek, Aktenschränke, Videokonferenzen, schalldichte Kabinen, Sicherheitsschleusen, Ausschnitte von Gesprächen… »Nicht meine Welt«, dachte er, als er sich ein wenig verdichtete. Er wagte nicht, Phileas zu nahe zu kommen, auch wenn er ihn natürlich „spürte“. »Was haben wir schon gemeinsam?«, fragte er sich niedergeschlagen. Nun, Sex stand auf der Haben-Seite der Bilanz. Allerdings konnte man Detorix‘ Auffassung zu dessen Bedeutung auf lange Sicht nicht widerlegen. Ja, es war besser, wenn er sich auf das Tintenfisch-Szenario vorbereitete. ~*+*~ Phileas duftete nach Vanillin und Zimt, als er zielstrebig das Mehrfamilienhaus ansteuerte, eine schwarze Stofftasche schwenkte. „Thi-Anh“, lächelte er, als der sich aus den Schatten löste, „haben wir noch einen Abend für uns?“ Thi-Anh nickte tapfer, schwebte an Phileas freier Hand die Treppe hoch. „Ich habe Jezabel und Vidale deine Entschuldigung übermittelt. Sie tragen dir nichts mehr nach“, entledigte er sich seiner Botschaft, schlüpfte aus dem Kapuzenmantel. „Mach es dir gemütlich, ja?“, Phileas zog seinen Wollmantel und die Schnürstiefel aus, verteilte den Inhalt der schwarzen Stofftasche auf einen Teller. „Gebäck. Magst du Tee dazu? Oder Kaffee? Allerdings nur Beutelware oder Instantpulver“, schränkte Phileas ein. „Tee, bitte“, Thi-Anh betrachtete Phileas unschlüssig. Vermisste er tatsächlich dessen ungebührliche Attacken als Vorspiel?! Nachdem der Tee aufgebrüht und das Gebäck auf einen Teller platziert worden war, ließ sich Phileas neben Thi-Anh auf dem Bett nieder. „Bitte, greif zu“, lud er ein, lächelte Thi-Anh an. Der bedankte sich und knabberte vorsichtig. Als Stammkunde bei Pussys Patisserie fürchtete er keine Nebenwirkungen. Die Rezepte beider Welten ähnelten sich. „Heute weihe ich dich in mein Geheimnis ein“, verkündete Phileas verschwörerisch, ein Lächeln um die Mundwinkel spielend. Thi-Anh zwang sich, es zu erwidern, auch wenn ihm das Herz schwer wurde. Phileas schien gut gelaunt, keineswegs deprimiert ob des wahrscheinlichen Endes ihrer Bekanntschaft. „Wieso wunderst du dich nicht über uns?“, wagte Thi-Anh einen Vorstoß, „ich meine, dass in deiner Welt Wesen aus anderen Welten unterwegs sind?“ Ein Lächeln zuckte in Phileas‘ Mundwinkeln. „Sollte ich wirklich nur glauben, was ich mit meinen Augen sehe?“, wandelte er eine gängige Floskel ab, „in meinem Fall keine gute Idee. Außerdem glaube ich, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind. Ich bin schließlich auch nicht gerade der Durchschnitt aller Abweichungen.“ Die letzte Feststellung wurde mit einem ätzenden Unterton serviert. „Normalität wird überschätzt“, ergänzte Phileas. Thi-Anh seufzte innerlich. Phileas würde unter Daimonen mit dieser Auffassung nicht auffallen. Nicht, dass er jemals die Gelegenheit bekäme. „Wirklich sehr lecker, vielen Dank“, wechselte er das Thema. Mit einigen eiligen Schlucken leerte Phileas seinen Kaffee, federte von seinem Bett, um seinen Becher und den leeren Teller abzustellen. Er wandte sich einem schlichten Wandschrank zu, öffnete die Tür, um verschiedene Objekte herauszuholen. Überrascht verfolgte Thi-Anh, wie Phileas sich einen elektrischen Bass umhängte, Zubehör verkabelte, Kopfhörer aufsetzte. Mit einem Plektrum erprobte er die Saiten. Ein Lächeln tanzte auf seinen Lippen, als er die Kopfhörer abnahm, sie Thi-Anh aufsetzte. „Der Bass ist das Herz von allem, die Basis, der Boden unter den Füßen“, erklärte er. Thi-Anh blinzelte überrascht. Nicht einen Wimpernschlag später fluteten dynamische, druckvolle Töne seinen Kopf. Die Vibrationen rasten durch seinen Körper, ließen ihn erzittern. Es kostete ihn Mühe, seine Gestalt zu halten, während Phileas spielte, offenbar in seinem Kopf die Musik hörte, das Tempo anzog. Thi-Anh kannte sich mit menschlicher Musik nicht aus, öffnete den Mund, registrierte seinen rasenden Herzschlag. Es fühlte sich an, als könne er keinen Gedanken mehr fassen, nur Rhythmus und Tonfolgen in seinem gesamten Leib. Schließlich konnte er es nicht mehr aushalten, legte eine zitternde Hand auf Phileas‘, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn herausfordernd. „Lass uns gemeinsam spielen“, krächzte er rau, ließ seinen Kapuzenmantel heruntergleiten. ~*+*~ »Das ist grausam«, stellte Thi-Anh fest, hätte sich gern gegen die Schläfen geklopft. Nicht, dass es etwas nützte. Immer noch hörte er Phileas‘ Musik in seinem Kopf, spürte in schier jedem Atom seiner Gestalt die ungeheure Macht der Basslinie. Das überstieg sogar die Nachwehen der sexuellen Leidenschaft. Phileas schlief neben ihm, tief und fest. »Wenn ich jetzt verschwinde«, dachte Thi-Anh, »ist das feige oder nur die Beschleunigung des Unvermeidlichen?« Er löste seine Gestalt vorsichtig genug auf, um den gewohnten Arm langsam auf die Matratze sinken zu lassen. Ohne Abschied zu gehen… Thi-Anh warf sich den Kapuzenmantel über seine Phantomgestalt, behutsam, um sich nicht mit einem Luftzug zu verraten. »Wahrscheinlich währt es nicht lange«, redete er sich zu. Phileas würde ihn und alles, was in den letzten Tagen vorgefallen war, vergessen. Falls er enttäuscht oder verletzt sein würde, hielte das nicht lange vor. Dank Tintenfisch-Lobotomie. Thi-Anh ballte die Fäuste, verwünschte den donnernden Rhythmus in seinem Kopf, zerfaserte seine Gestalt ausreichend, um durch einen winzigen Spalt der Tür zu schlüpfen, die er lautlos hinter sich schloss. Er flog durch das Treppenhaus, entfloh dem Gebäude, ließ sich durch den unwirtlich frostigen Morgen treiben, ohne festes Ziel oder Zuflucht. ~*+*~ „Oh, Thi-Anh? Guten Morgen“, wünschte Artemis, Einhorn, Erfinder und brav in einen mausgrauen Overall gekleidet. Der tarnte allerdings nur unvollkommen die attraktive Gestalt und die Sex-Gott-Ausstrahlung. Trotz weißer Mähne und pinkfarbener Haut. „Magst du vielleicht einen Muffin? Die sind ganz frisch“, bot er an, als Thi-Anh sich im Erdgeschoss des Backsteinhäuschens umsah. „Danke. Eigentlich war ich auf der Suche nach Detorix“, murmelte Thi-Anh, zwang sich zu einem höflichen Lächeln. „Oh, wart ihr verabredet?“, Artemis runzelte die perfekte Stirn unter dem Einhorn, „komisch, das hat er gar nicht erwähnt.“ „Nein, nein, ich bin spontan hier“, korrigierte Thi-Anh. „So ein Pech. Detorix ist schon weg. Er hatte gestern einen langen Termin beim Friedensgericht. Ich glaube, der Tintenfisch hat es auch eilig“, bemerkte Artemis, nötigte Thi-Anh den Muffin auf, „Frühstück ist eine sehr wichtige Mahlzeit für die Gesundheit.“ „Danke“, murmelte Thi-Anh tonlos, „das ist sicher richtig.“ „Möchtest du, dass ich Detorix was ausrichte? Mache ich gern“, strahlte ihn Artemis aufmunternd an. Thi-Anh schüttelte den Kopf, klappte die Kapuze hoch, „danke, nein, es hat sich erledigt. Entschuldige die Störung.“ „Nicht doch, ich hab gern Besuch!“, versicherte Artemis gut gelaunt, „hab einen schönen Tag, Thi-Anh.“ Der nickte bloß vage, brachte es nicht mehr über sich, etwas zu äußern, als er den Vorhang ansteuerte, in die Daimonenwelt wechselte. Er drückte einen verdutzten Mee-Poo den Muffin in die Pfote, bevor er seine Gestalt auflöste und mit Höchstgeschwindigkeit davonstob. ~*+*~ „Ich muss bekloppt sein“, brummelte Lodur, der mit Lacrimosa und Jezabel die letzte Blumengirlande befestigte. Er half Lacrimosa von seinen Schultern. Der große Konferenzsaal verwandelte sich von einem nüchternen Raum in einen Festsaal. Überall tanzten daimonische Leuchtkäfer in den Laternen, tauchten den großen Raum in bunte Lichter. „Das wird ganz großartig!“, strahlte Jezabel. Sie hatte sich in Schale geworfen, dünne Tücher wirbelten um ihre zarte Gestalt. „Hrmpf“, knurrte Lodur, der sich trotz seiner proklamierten Abneigung den Bart gestutzt und die buschigen Augenbrauen gekämmt hatte. Außerdem trug er die Asen-Ausgeh-Uniform. Ohne das „dämliche Besteck“ selbstredend alias Langschwerter, Streitäxte, Vorschlaghammer oder Schild. Lacrimosa lächelte stumm, zwinkerte Jezabel zu. Der Ex-Engel hatte seine gesamte rosige Erscheinung mit einem Hängerchen aus Sternenglanz verziert. „Hoffentlich gibt‘s bald was zu essen“, grummelte Lodur betont griesgrämig. Das aufgebaute Büfett ließ keine Wünsche offen, das konnte man sehen und riechen. Immer mehr Personen trafen nun ein, gut gelaunt, herausgeputzt oder kostümiert. Der Duft des Blumenschmucks mischte sich mit den Kräutersträußen und Speisen. „Da sind Vidale und Chise“, stupste Jezabel Lacrimosa an, winkte. „Kostümiert sind sie aber nicht“, flüsterte sie Lacrimosa zu. Das kam vermutlich auf den Standpunkt an. Chise trat in vollem Ornat seines Steampunk-Outfits auf, nur Staubmantel und Homburger fehlten. Das wäre auch übertrieben gewesen, da ihr Weg bloß zum Haupteingang und dann in den Aufzug geführt hatte. Vidale präsentierte seine Regency-Abendgarderobe, Kniehose, feine Strümpfe, zierliche Schuhe, eine prächtig bestickte Weste über einem blendend weißen Hemd, gekrönt von einem Schaltuch mit einem komplizierten Knoten. Der Gehrock saß an seiner mageren Gestalt wie eine zweite Haut. Nur seine Frisur, die schwarzen Löckchen, hatte jemand frech mit einem dünnen Band aus dem Gesicht gebunden. Seine großen, dunklen Augen strahlten vor Begeisterung, als er an Chises Arm langsam durch die kleinen Grüppchen steuerte. „Guten Abend, ihr Schönheiten“, Chise verneigte sich herausfordernd, ließ sein bestes Großer-Gong-Timbre ertönen, „welch eine Augenweide!“ Jezabel lachte, während Lacrimosa demonstrativ die pinkfarbenen Augen verdrehte. „Es ist so prächtig!“, lobte Vidale, „das habt ihr ganz wunderbar gemacht! Ich fühle mich wie in einem Ballsaal zur Season.“ Oder dem, was er sich darunter vorstellte. „Wer hätte gedacht, dass unser Brummbär auf so eine Idee kommt?“, grinste Jezabel, „puh, das sind ja so viele Leute!“ Die artig ihr Geplauder einstellten, als Detorix in die Mitte trat. Er hatte sich in Schale geworfen, was einen dunklen Dreiteiler mit Fliege bedeutete. Selbst seine Glatze wirkte auf Hochglanz poliert. „Guten Abend und herzlich Willkommen. Ich danke euch allen, dass ihr so zahlreich und gut gelaunt der Einladung gefolgt seid. Ja, heute ist Freitag, Valentinstag und auch noch die Fünfte Jahreszeit! Außerdem konnten wir gemeinsam ein Tor wieder in Betrieb nehmen, das haben einige von euch ja gerade benutzt.“ Detorix ließ den Blick in die Runde schweifen. „Ich weiß, es sind herausfordernde Zeiten. Und ja, eigentlich gilt es, Geheimnisse zu wahren, um uns zu schützen. Allerdings denke ich, es ist besser, dass wir alle sehen, wie viele wir hier sind. Wir sind nicht allein. Wir sind der Beweis dafür, dass man gut zusammenleben kann, auch mit Unterschieden. Deshalb freue ich mich, jetzt offiziell unser erstes gemeinsames Fest zu eröffnen. Vielen Dank euch allen, habt Spaß!“ Natürlich klatschte Artemis sofort, schniefte, strahlte. Detorix schmunzelte, zückte ein Stofftaschentuch aus seinem Vorrat, reichte es weiter. Musik setzte ein, man sammelte sich vor den langen Tischen des Büfetts. Ohne zu drängeln, im munteren Gespräch, Aufmachungen bewundernd, neue Bekanntschaften schließend. Chise blieb überrascht stehen, als er ein verwandtes veilchenblaues Leuchten bemerkte. Es kam von einem athletischen Wesen mit bronzefarbener Haut, veilchenblauen Augen, lila Korkenzieher-Locken, die von einem Tuch mühsam gebändigt wurden. Eine lilafarbene Augenbraue wanderte fragend hoch, als Chises Mund sich ungläubig öffnete. Chise bemerkte nicht mal, dass Vidale den Arm von seinem nahm, stattdessen seine Hand ergriff und voranging. „Ziggy, den Korb mit dem Nachschub musst du heben“, ächzte eine Stimme neben dem Wesen, richtete sich auf. „Natürlich, Ski“, auf Gandalfs Wange landete ein Kuss, doch die Kraftübung musste warten. „Ich dachte, die Menschenwelt sei für Kronks verboten?“, stieß Chise hervor, betrachtete Ziggy verblüfft. „Und ich habe gehört, dass sie laut sind, riesig groß und kleine Daimonen-Kinder fressen“, antwortete Ziggy amüsiert, „ich staune immer wieder, was für seltsame Gerüchte herumgehen. Wie gefällt euch das Büfett? Ich bin dafür verantwortlich.“ „Es ist sehr beeindruckend und vielfältig“, sprang Vidale mit einem Lächeln für Chise ein, dessen Gedanken vollkommen wirr durcheinander wirbelten. DAS war...ein ECHTER KRONK! Der erste, dem er begegnete! „Wenn du mal ein Catering benötigst, gebe ich dir gern meine Karte“, damit fischte Ziggy in der Tasche seiner Schürze, die er über dem ärmellosen Top und lässigen Stoffhosen trug. „Die Welten sind klein, mein Freund“, wisperte er Chise auf Daimonisch zu, zwinkerte mit veilchenblauem Leuchten. Chise verstaute die Visitenkarte und lächelte. „Vielen Dank. Und...danke“, antwortete er leise. „Detorix steckt voller Überraschungen, nicht wahr?“, bemerkte Vidale mit einem wissenden Schmunzeln. Wer hätte auch sonst einen Kronk bei Menschen unterbringen können? „Oh!“, zupfte er an Chises Ärmel, „hör mal!“ Die Musik wurde ein wenig lauter, wechselte gerade zu einem Samba. Eine Einladung, das Tanzbein oder ähnliche Extremitäten zu schwingen! Was ein ziemlich ungewöhnliches Pärchen sich nicht zweimal sagen ließ. Eine zierliche Nymphe mit babyblauen Löckchen einer detonierten Hochsteckfrisur legte eine flotte Sohle mit einem hochgewachsenen, dürren Menschen mit brauner Mähne und einer ungewöhnlichen Brille hin. Beide strahlten sich an, bewegten sich mit einer Selbstsicherheit, die verriet, dass sie sehr vertraut miteinander waren. „Das sind Lahyrim und Valentejn. Er ist ein magischer Zombie“, lieferte Artemis Informationen, mümmelte begeistert seine Ausbeute vom Büfett. „Sie tanzen perfekt“, stellte Vidale fest. Chise, der seinen Spürsinn nicht mal bemühen musste, verneigte sich vor Vidale. „Darf ich um die Ehre des nächsten Tanzes bitten?“, zwinkerte er. Vidale legte die schmale Hand in seine, bevor er zögerte. „Oh, ich habe noch nie getanzt. Ich habe mir die Schrittfolgen gemerkt“, bekannte er verunsichert. Nach einem herausfordernden Kuss auf Vidales Handrücken richtete sich Chise amüsiert auf. „Wiener Walzer, mein Lieber, schockierend, ich weiß. Vertrau mir“, er geleitete Vidale zu einer offeneren Fläche im Saal. Der Samba lief aus, Chise schnipste mit den Krallen, brachte sich in Position. Erwartungsvoll strahlte Vidale ihn an. Lahyrim und Valentejn konnte man nicht auf dem falschen Fuß erwischen, sie drehten sich ebenso geschmeidig, zwinkerten einander zu. Jezabel zog Lacrimosa mit sich, die gegen einen Drehwurm im Freistil keine Einwände hatte. Detorix lächelte zufrieden, als sich Menschen, Daimonen, Ex-Engel, Ex-Göttlichkeiten, ein Zombie auf Magie und ein gestrandeter Fremdwelter in Hochstimmung umeinander scharten, schmausten, lachten. Er selbst war ja nicht so ein Tanzbär oder Romantiker, doch hin und wieder half es, über den eigenen Schatten zu springen. Apropos… Er blickte auf seine Armbanduhr. ~*+*~ Die letzten Nachkömmlinge auf der Liste hatten den Aufzug betreten. Thi-Anh hatte selbst gestaunt, wie VIELE Personen Detorix auf so kurze Frist hin zusammentrommeln konnte. Wie häufig trotz seiner skeptischen Haltung das Phänomen „Liebe“ genügte, Menschen und Daimonen auf dieser Seite zusammenleben zu lassen. „Du hast tatsächlich Kleider?“ Thi-Anh fuhr überrumpelt zusammen, als sich eine hochgewachsene Gestalt mit geschmeidig-selbstsicherem Schritt näherte. Phileas trug statt seines schwarzen Mantels einen Gehrock, hautenge Hosen und ein Hemd mit üppigem Rüschenbesatz. Alles selbstredend in Schwarz gehalten. Er wirkte wie eine Mischung aus Glam-Rocker, Visual Kei-Star und Cyber-Vampir. Thi-Anh taumelte einen halben Schritt zurück, wurde vom Türrahmen gebremst. „Ich habe eine Einladung“, eine bleiche Hand mit schwarz lackierten Nägeln wedelte demonstrativ den verstärkten Kartonstreifen. „...was ist mit dem Tintenfisch?“, stammelte Thi-Anh, fand sich unversehens in kraftvolle Arme gezogen. „Gesund und munter, vermute ich mal“, Phileas lächelte, dippte einen frechen Kuss auf Thi-Anhs halb geöffneten Mund. „Darf ich mich oben unter deiner strengen Aufsicht bewähren?“, wisperte er Thi-Anh zu, „ich habe noch Einiges auszubügeln.“ Endlich konnte Thi-Anh sich ausreichend sammeln. „Ich dachte, du hättest… wieso hast du nicht…?“, er ärgerte sich über sein eigenes Gestammel, auch wenn er nun wenigstens wieder einen Ton herausbekam. Phileas hielt Thi-Anh umschlungen. „Ich wollte dir keine falschen Hoffnungen machen. Ich bin Jurist, mein liebes Phantom, also notorisch hartnäckig, rhetorisch beschlagen und gnadenlos argumentativ. Ich möchte mit dir zusammen sein. Und ich habe den Eindruck, dass es dir genauso geht.“ Ächzend lehnte sich Thi-Anh gegen die üppigen Rüschen, legte die Arme um Phileas‘ Nacken. In seinem schlichten Overall fühlte er sich definitiv „underdressed“. „Aber Detorix glaubt nicht an Liebe auf den ersten Blick oder sexuelle Anziehungskraft!“, beklagte er sich, „das sagt er ständig!“ Da Phileas sein Gesicht und seinen Nacken mit federleichten Küssen betupfte, verabschiedete er seinen Groll. „Du kennst ihn besser“, raunte Phileas, „allerdings frage ich mich, wo die ganzen Leute herkommen, die auf dieser riesigen Liste stehen.“ Knurrend entschlüpfte Thi-Anh der Umarmung, zog Phileas ins Gebäude und löste die Notverrieglung aus, sodass niemand mehr hineingelangte. „Ich habe vor Schreck weiche Knie und Hunger!“, ließ er Phileas wissen, der seine Hand nicht freigab. „Du kannst gern mich vernaschen“, bot der grinsend an, während sich die Türen der Aufzugskabine teilten. „Später. Ganz sicher. Ich werde das nicht vergessen“, drohte Thi-Anh grimmig. Phileas gluckste und ging zum Angriff über, regte Thi-Anhs Appetit ungeniert an. Erstaunlicherweise reiste der Aufzug wiederholt rauf und runter, während in Phileas‘ Kopf die Riffs von Aerosmith‘s „Love in an elevator“ in Endlosschleife spielten. Als sie leicht zerrupft in den Festsaal traten, seufzte Artemis gerührt auf. „Kein Wort“, schnurrte Detorix und gab das nächste Stofftaschentuch aus. Manchmal überraschte er sich sogar selbst noch. ~*+*~ Ende ~*+*~ Vielen Dank fürs Lesen! kimera